22. September 2017

Anleitung zum Schreiben einer Anti-Sprachschutz-Glosse

Quelle: jungefreiheit.de

Historiker und Sprachpfleger, wurde 1973 in Eichstätt geboren und studierte Biologie, Politik und Geschichte in Erlangen. Er ist Gründer der Zeitschrift “Deutsche Sprachwelt” und seither ihr Chefredakteur. 2006 erhielt er den Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalismus. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Historiker und Sprachpfleger, wurde 1973 in Eichstätt geboren und studierte Biologie, Politik und Geschichte in Erlangen. Er ist Gründer der Zeitschrift “Deutsche Sprachwelt” und seither ihr Chefredakteur. 2006 erhielt er den Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalismus. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Die deutsche Sprache ist in der Obhut eines erlesenen Kreises von Sprachwissenschaftlern. Diese beobachten in aller Stille den „Sprachwandel“ und wollen dabei möglichst ungestört bleiben. Hierbei sind sie eine friedliche Symbiose mit Sprachverhunzern eingegangen, die ebenso ungestört sein wollen, um die Sprache zu ihrem Nutzen zu prägen. Denn manche Sprachverderber wollen die Deutschen offenbar zu Konsumtrotteln erziehen, die alles kaufen, worauf „Sale“, „Event“ oder „Fun“ steht.
 

Die Sprachbeobachter wiederum stehen lediglich staunend daneben, bewundern diesen „Sprachwandel“ und verzeichnen ihn fleißig in ihren Notizbüchern, womit sie ihre Arbeit als erledigt ansehen. Doch diese Idylle ist gefährdet. Immer mehr Bürger wollen sich nicht bevormunden lassen. Sie finden, daß etwas für die deutsche Sprache getan werden muß. Sie wagen es mitzureden und den Frieden zu stören.

Das Volk von der Sprache fernhalten

Um dieser für die Sprachbeobachter unangenehmen Entwicklung entgegenzuwirken, muß die veröffentlichte Meinung wieder stärker verbreiten, daß das Volk in Wirklichkeit keine Ahnung von der deutschen Sprache hat. Als besonders wirksam hat sich das Verfassen von Anti-Sprachschutz-Glossen erwiesen, mit denen Sprachfreunde verhöhnt und verspottet werden. Vor zehn Jahren waren sie hierzulande noch gang und gäbe, heute scheinen sie aber vom Aussterben bedroht zu sein.

Doch gibt es in der jüngsten Vergangenheit hoffnungsvolle Versuche, diese versunken geglaubte Tradition wieder aufleben zu lassen. Um der gestiegenen Nachfrage Rechnung zu tragen, haben wir eine kurze Anleitung zum Schreiben einer Anti-Sprachschutz-Glosse entwickelt. Sie besteht im wesentlichen aus zwei Schritten. Erstens gilt es, die Sprachschützer lächerlich zu machen. Zweitens muß der Verfasser sich selbst unangreifbar machen. Letztlich geht es darum, eine Diskussion geschickt zu verhindern.

Dieses Vorgehen hört sich zunächst ganz einleuchtend an und läßt sich gewiß auch erfolgreich auf andere Auseinandersetzungen anwenden. Es ist ein bewährtes Mittel der Herrschenden: Jeden, der die gegenwärtige Ordnung in Frage stellt, kann man auf diese Weise mundtot machen. Wie soll jedoch der ambitionierte Verfasser diese Schritte am besten ins Werk setzen? Als Hilfestellung bieten wir aus diesem Grund eine weitergehende Anleitung mit Beispielen, die sich in der Vergangenheit schon des öfteren bewährt haben. Alle Zitate, die nun folgen, sind echt und haben sich bereits in Anti-Sprachschutz-Glossen bewährt.

Die Sprachschützer lächerlich machen

Schritt 1 ist also, den Sprachschützer lächerlich zu machen und seine Satisfaktionsfähigkeit in Frage zu stellen. Schließlich befindet man sich nicht auf gleicher Augenhöhe. Zunächst einmal spricht man dem Sprachschützer folglich den Sachverstand ab, schließlich ist er kein staatlich geprüfter Sprachbeobachter. Hilfreich ist dabei, ihn als „selbsternannt“ zu bezeichnen und darauf hinzuweisen, daß er „ohne fachlichen Hintergrund“ sei. Ein Glanzstück ist zum Beispiel der folgende Satz: „Selbsternannte Sprachschützer zeichnen sich nicht selten durch ein gestörtes Verhältnis zur deutschen Sprache aus.“

Damit ist ein weiteres Mittel ins Spiel gebracht. Ratsam ist es nämlich, bei den Sprachschützern charakterliche Mängel, ja sogar „Fehlfunktionen“ zu diagnostizieren. Sie „nörgeln“ und „jammern“, sind „besserwisserisch“ und „kulturpessimistisch“. Sie besitzen ein „Gefühl von Minderwertigkeit und Trotz“ und haben eine „pöbelhafte Lust am Vergröbern, am Denunzieren und Herabsetzen“. Nicht zuletzt sprechen sie ein „Altertümeldeutsch“, während sie auf „Hexenjagd“ gegen Anglizismen gehen.

So kann man Sprachschützer wirkungsvoll als nicht ernst zu nehmende Randgruppe abstempeln: „Da nörgeln sie also an der angeblich verfallenden deutschen Sprache herum, die ‚alten Männer‘ mit erhobenem Zeigefinger.“ Als allerletztes Mittel bleibt dann noch, die Sprachschützer als Ewiggestrige in die rechte Ecke zu stellen. Zu den schwächeren Versuchen gehört dabei noch die Vermutung, daß der Vorschlag, statt „Public Viewing“ auch einmal „Rudelgucken“ zu sagen, „wohl keine Reminiszenz an den Jagdflieger Hans-Ulrich Rudel ist“. Ein Volltreffer hingegen ist der Ansatz, den Sprachschützer auf eine Ebene mit Massenmördern zu stellen: „Das weiß man aus der deutschen Vergangenheit, in der Fremdwörter ausgemerzt wurden wie Menschen.“

Die eigene Überlegenheit betonen

Ist der Sprachschützer auf diese Weise in Mißkredit gebracht, folgt Schritt 2: die Absicherung des eigenen Standpunkts. Das geschieht selbstverständlich nicht mit Hilfe von klugen Begründungen, sondern indem man seine eigene Überlegenheit hervorhebt. Während die anderen nörgeln und unter charakterlichen Mängeln leiden, ruht man selbst völlig in sich und pflegt einen „unaufgeregten Umgang mit dem Sprachwandel“.

Man ist angetreten, um zur „Versachlichung“ beizutragen. Daher ist es an der Zeit, den Mantra der unfehlbaren Sprachbeobachter anzustimmen und die ehernen und unverrückbaren Glaubenssätze zu beschwören: Nicht die Menschen verändern die Sprachen, statt dessen ist die Sprache ein Lebewesen, das sich selbst verändert: „Lebende Sprachen verändern sich.“ Da kann man eben nichts machen. Verstöße gegen die Sprachnorm sind also völlig in Ordnung, denn: „Die Fehler von heute sind die Regeln von morgen.“ Es lohnt sich auch nicht, Fehlentwicklungen zu geißeln: „Die Klage vom Sprachverfall ist so alt wie die Sprache selbst.“ Schließlich ist festzuhalten: „Es gibt keine reine Sprache.“ Diese Tatsachen sind so beeindruckend, daß sie jede Sprachkritik im Keim ersticken.

Den Rest gibt man den Sprachschützern dann, indem man nie geäußerte Behauptungen erfindet und sie anschließend widerlegt; etwa die angebliche „Überzeugung, der Wandel einer Sprache sei notwendig Ausdruck ihres Niedergangs“ oder die Rede vom „dahinsiechenden, dem Tode geweihten Patienten Deutsch“ oder, daß sich Fremdwörter „schmarotzend in unsere heile deutsche Sprachwelt einschleichen“ und sich „parasitär an einem immer schwächer werdenden deutschen Wirt festsaugen“.

Nur eines darf man auf gar keinen Fall: die Kritik der Sprachschützer ernstnehmen und sich mit ihren Argumenten auseinandersetzen.