19. November 2017

„Wir bitten dich auch für die Entführer…“

Quelle: idea.de

Dienstagabend in einem kleinen Ort irgendwo in der schlesischen Oberlausitz. Seit elf Monaten treffen sich hier jeden Dienstag Christen aus der Region, um gemeinsam für die im Jemen entführten Geiseln zu beten. Auch an diesem Abend sitzen sie wieder in einem großen Stuhlkreis zusammen. Die Tische sind bereits für das Frauenfrühstück am nächsten Morgen gedeckt. Zu Beginn stimmen sie das Lied Nr. 87 aus dem Allianzgesangbuch an – „Denn du bist groß, ein Gott, der Wunder tut“. Der Gesang der etwa 40-köpfigen Gemeinde wirkt an diesem Abend besonders kräftig und voll – wohl auch, weil der Text von Herzen kommt. Denn sie alle haben an diesem Tag ein Wunder erlebt: Am Morgen meldeten die Medien, dass die beiden Töchter der im Jemen entführten Familie Hentschel aus Meschwitz bei Bautzen – Lydia und Anna – aus der Geiselhaft befreit wurden und sich in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad in Sicherheit befinden.

Gewaltfreie Befreiungsaktion

Im Juni 2009 waren der Ingenieur Johannes Hentschel und seine Frau Sabine, die seit sechs Jahren in dem staatlichen Krankenhaus „Mustaschfa al Dschimhuri“ in der nordjemenitischen Provinz Saada arbeiteten, zusammen mit ihren drei Kindern Lydia (5), Anna (3) und Simon (1) entführt worden; mit ihnen ein britischer Ingenieur (nur als Anthony, kurz Tony, bekannt), zwei deutsche Pflegehelferinnen und eine südkoreanische Lehrerin. Die beiden Helferinnen und die Südkoreanerin wurden wenige Tage darauf in der Provinz Saada tot aufgefunden. Von der Familie und dem Briten fehlte seither trotz zwischenzeitlicher angeblicher Lösegeldforderungen und Verhandlungen jede Spur. Nun der Durchbruch. Wie es hieß, hätten saudi-arabische Spezialeinheiten die Schwestern an der Grenze zwischen beiden Ländern „in einer gut vorbereiteten, aber gewaltfreien Aktion“ befreit. Von Lösegeldzahlungen, die in einigen Medien erwähnt wurden, weiß Reinhard Pötschke, der Schwager von Johannes Hentschel, nichts.

Plötzlich ging alles ganz schnell

Gottfried und Ruth Hentschel, die Großeltern von Lydia und Anna, erfuhren die Neuigkeiten am Montagnachmittag (17. Mai). Zusammen mit Reinhard Pötschke brachte Gottfried Hentschel gerade den Garten rund ums Haus in Meschwitz auf Vordermann. Oma Ruth „plättete gerade die Wäsche“, wie sie erzählt, da klingelte das Telefon. „Es war so gegen 16 Uhr“, berichtet Großvater Gottfried. „Dran war ein Herr vom Auswärtigen Amt, der uns betreut. Er meinte, wir sollten uns treffen.“ Kurz darauf sitzen sie zusammen im Haus der Großeltern in Lauske am Tisch. „Sie erzählten uns, dass die Mädchen befreit wurden“, so der 79-Jährige. Für die Großeltern und viele andere Christen aus der Region ist das eine Gebetserhörung, ein Wunder. Jeden Tag hatten sie dafür gebetet – elf Monate lang. Und jetzt ging alles so schnell. Noch am selben Tag fliegt ein Mitglied der Familie mit Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes nach Saudi-Arabien, um die Kinder in Empfang zu nehmen.

Jetzt hat Gott euer Gebet wohl erhört

Während Gottfried Hentschel spricht, öffnet sich die Tür zum Gemeindesaal. Ein Mann steht in der Tür und sucht nach einem freien Platz. Es gibt keinen mehr. Flink wird ein Stuhl aus dem Nachbarraum geholt und der Stuhlkreis erweitert. Als alle wieder sitzen, erzählen einige, wie sie die Botschaft von der Befreiung der beiden Mädchen erlebt haben. Viele kommen nicht umhin, die Herrnhuter Losung dieses Tages als direkte Botschaft in diese besondere Situation hinein zu verstehen: „Ich werde mich an Euch als der Heilige erweisen vor den Augen der Heiden. Und ihr werdet erfahren, dass ich der Herr bin“ (Hes 20,41f). Eine Frau in der Runde erzählt, dass ihr in den vergangenen Monaten häufiger eine nichtgläubige Dame aus dem Ort gesagt habe: Ihr müsst wirklich Gottvertrauen haben, dass ihr so viele Monate betet, ohne dass etwas geschieht. „Heute traf ich sie wieder und sie sagte: Jetzt hat Gott euer Gebet wohl wirklich erhört.“

Kinder sind körperlich unversehrt

Dann ergreift Reinhard Pötschke, Pastor der Freien evangelischen Gemeinde in Radebeul bei Dresden, das Wort. Die Befreiungsaktion sei nicht nur für die Familie sehr überraschend gekommen, sondern wohl auch für alle anderen Beteiligten. „Es war eine Aktion der Saudis“, sagt er. Den beiden Mädchen gehe es den Umständen entsprechend gut. „Sie sind körperlich unversehrt und werden zurzeit in einem Krankenhaus untersucht.“ Doch die Freude ist nicht ungetrübt. „Über die Eltern wissen wir leider gar nichts“, sagt Pötschke und fügt mit ernstem Blick hinzu: „Wir müssen mit allem rechnen.“ Das gilt auch für Simon, der kleinen Bruder von Lydia und Anna. Über ihn hatte es gegensätzliche Meldungen gegeben. Zuletzt hieß es unter Berufung auf jemenitische Sicherheitskreise, seine Leiche sei gefunden worden. „Auch wenn noch nichts davon definitiv bestätigt ist, müssen wir damit rechnen, dass er nicht mehr lebt.“

Bei ihnen wird jetzt alles wieder hochkommen

Freude und Bangen, Dankbarkeit und Fürbitte liegen an diesem Abend eng beieinander. Alle sind unendlich froh, dass die Lydia und Anna leben, dass sie bald wieder zuhause sind. Und doch bleibt die Ungewissheit über das Schicksal der Eltern Johannes und Sabine und des kleinen Simon. Trost und Kraft suchen die Männer und Frauen am Ende in einer etwa 20-minütigen Gebetsgemeinschaft. Besonders beeindruckend: Es wird keinesfalls nur für die Hentschels gebetet. Immer wieder heißt es: „Und ich bitte dich für Tony und seine Familie.“ Tony ist der Brite, der vor knapp einem Jahr mit entführt wurde und von dem ebenfalls nach wie vor jede Spur fehlt. Reinhard Pötschke erbittet den Segen für die Angehörigen von Anita Grünwald (24) und Rita Stumpp (26) sowie der koreanischen Lehrerin Um Young-Sun, die einen Tag nach der Entführung im Juni letzten Jahres ermordet aufgefunden worden waren: „Bei ihnen wird jetzt alles wieder hochkommen.“ Was dann geschieht, verursacht Gänsehaut, denn es ist nicht menschlich. Selbst für die Geiselnehmer, die bereits mindestens drei Menschen auf dem Gewissen haben, wird gebetet: „Herr, unser Gott, du hältst alle Menschen in deiner Hand und liebst sie alle. Deshalb bitten wir dich auch für die Entführer.“ Wahrscheinlich ist es dieses unendliche Gottvertrauen, das diese Menschen über die vergangenen elf Monate hinweg getragen hat – und das sie jetzt so getröstet und gelöst aussehen lässt, als sie nach reichlich 90 Minuten wieder auseinandergehen. In einer Woche werden sie sich wieder treffen. Und sie geben die Hoffnung nicht auf, dass es dann auch gute Nachrichten über Johannes, Sabine, den kleinen Simon und Tony gibt.