18. November 2017

Steinmeier: Ohne Vergebung geht die Gesellschaft unter

Quelle: idea.de

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Frank-Walter Steinmeier. Foto: PR

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Frank-Walter Steinmeier. Foto: PR

Detmold (idea) – „Eine Gesellschaft, die ohne Vergebung und Gnade lebt, ist zum Untergang verurteilt.“ Dieser Ansicht ist der SPD-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Frank-Walter Steinmeier. Wie er am 28. Mai bei einem Vortrag in Detmold sagte, gebe es ohne Vergebung keinen Neuanfang.
 

Man kreise dann immer wieder um vergangenes Tun, zwischen Selbstzweifel und Selbstrechtfertigung, so Steinmeier vor rund 430 Besuchern. Der gebürtige Detmolder sprach auf Einladung der Lippischen Landeskirche zum Thema „Ist Umkehr möglich – oder sind wir auf dem Weg in eine gnadenlose Gesellschaft? Vom Umgang mit Schuld im öffentlichen Raum.“ Aus Steinmeiers Sicht ist es im politischen Umfeld schwieriger geworden, Schuld einzugestehen und um Verzeihung zu bitten, weil man sich dadurch verletzlich und angreifbar mache. „Nicht die Schuld treibt uns um, sondern die Angst, keinen Erfolg zu haben und zu den Verlierern zu gehören“, sagte Steinmeier. Wer führen wolle, dürfe nach landläufiger Meinung keine Schwäche zeigen. Für eine echte Bitte um Verzeihung gebe es keinen Platz.

Schuldige nicht immer auszumachen

Manchmal sei ein Schuldiger auch gar nicht auszumachen, so der SPD-Politiker weiter. Als Beispiel nannte er die Finanzkrise. Im undurchsichtigen Finanzsystem werde es immer schwieriger, von persönlicher Verantwortung zu sprechen. Zwar hätten während der Krise viele auf die Banker und Spekulanten geschimpft. Aber bei der Frage, wen man zur Rechenschaft ziehen kann, sei kein konkretes Gesicht mehr erkennbar gewesen. Es gehe deshalb darum, das System neu auszurichten. Ihm komme es nicht auf persönliche Verurteilungen an, sondern darauf, Mechanismen zu finden, dass sich solche Krisen nicht wiederholen, sagte Steinmeier.

Über den Wahltag hinaus denken

Steinmeier warb für eine verantwortliche Politik, die über den Wahltag hinaus denkt. Sie handele nicht nur situationsbezogen, sondern habe einen Kompass, damit am Ende nicht eine gnadenlose Gesellschaft stehe. Die Verfassung gebe mit der Präambel (In Verantwortung vor Gott und den Menschen) einen Anhaltspunkt, wie sich Politiker zu verhalten hätten. Oft hätten sie aber nur die Menschen bzw. die eigenen Wähler im Blick.

Für sensiblen Umgang mit Begriff Schuld

Der lippische Landespfarrer Tobias Treseler sprach sich dafür aus, sensibel und aufrichtig mit dem Thema Schuld umzugehen. Es habe auch im evangelischen Raum einen moralisierenden, Angst machenden Gebrauch der Begriffe Schuld und Sünde gegeben. Das habe Menschen seelisch deformiert: „Wenn wir von Schuld und Vergebung sprechen, suchen wir nicht nach Schuldigen.“ Man wolle Wege zur Versöhnung sichtbar machen.