18. November 2017

Pietistischer Präses: „Evangelikal“ wird zum Reizwort

Quelle: idea.de

Der Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbands, Pfarrer Michael Diener, beim idea-Trägerverein: Manche tragen selbst zum schlechten Image bei. Foto: idea/Limberg

Der Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbands, Pfarrer Michael Diener, beim idea-Trägerverein: Manche tragen selbst zum schlechten Image bei. Foto: idea/Limberg

Wetzlar (idea) – Der Begriff „evangelikal“ ist zum Reizwort geworden. In der Außensicht werden Evangelikale oft als „fundamentalistische Kampftruppe ewig Gestriger“ wahrgenommen. Dieses Image störe ihn, sagte der Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbands (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften), Pfarrer Michael Diener (Kassel), am 19. Mai in Wetzlar in einem Vortrag vor der Mitgliederversammlung der Evangelischen Nachrichtenagentur idea.
 

Er sehe sich selbst primär biographisch als „evangelischen Pietisten“. Er stehe zu den evangelikalen Grundsätzen wie der Autorität der Bibel, dem Auftrag zu Evangelisation und Mission und aus der Bibel erwachsenden ethischen Standpunkten wie der Kritik an kirchlichen Segenshandlungen für homosexuelle Lebensgemeinschaften. Das müsse man auch gegen den Zeitgeist verteidigen. Aber in der Form, wie dies geschehe, trügen manche Evangelikale zum schlechten Ansehen bei. Sie träten teilweise gesetzlich, heuchlerisch, rechthaberisch, kleinkariert und exklusiv auf und trügen zur Zersplitterung bei. Biblisch begründete Grundsätze zur Sexualität seien freilich in der postmodernen Gesellschaft nicht mehrheitsfähig. Diener: „Homophobie ist zu einem Schlagwort geworden, das auch uns treffen wird.“ Evangelikale seien nicht genügend vorbereitet, solche Auseinandersetzungen sachlich, kompetent und sensibel zu führen.

Evangelische Allianz noch Haupt-Sprachrohr?

Auch Evangelikale seien zudem „Kinder ihrer Zeit“. Das mache sich unter anderem an der abnehmenden Bindung an Institutionen bemerkbar. Mehr Zulauf als Kirchen, Freikirchen und Dachverbände hätten freie Initiativen und Bewegungen wie die Evangelisation ProChrist oder die Willow-Creek-Bewegung. Dadurch werde die christliche Landschaft gesegnet, zugleich aber auch diffuser und unübersichtlicher. So müsse sich auch die Deutsche Evangelische Allianz fragen, ob alle Evangelikale sie noch als ihr Sprachrohr betrachteten.

Leben nicht gegen Lehre ausspielen

Mit fast 30-jähriger Verspätung griffen sie die Ziele des 1983 in der ökumenischen Bewegung begonnenen Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung auf. Zwar gebe es zum gesellschaftlichen Engagement der Evangelikalen keine Alternative, aber dies dürfe nicht mit einer Erosion der geistlich-theologischen Substanz einhergehen, mahnte Diener. Man dürfe „das Leben nicht gegen die Lehre ausspielen“.

Mehr Demokratie wagen

In Gemeinden und Gemeinschaften solle man „mehr Demokratie wagen“ und insbesondere Frauen mehr Leitungsverantwortung übertragen. Der Präses warb ferner dafür, dass sich junge Christen in der Politik und im Journalismus engagieren. Er wies zudem darauf hin, dass sich in Deutschland bisher keine geistliche Erweckung ereignet habe: „Das evangelistische Feuer brennt unter Evangelikalen nicht; wie könnte es dann in der Gesellschaft zu lodern beginnen?“ Der Gnadauer Verband umfasst 38 Gemeinschaftsverbände, 16 Diakonissen-Mutterhäuser, 11 theologische Ausbildungsstätten, 8 Missionsgesellschaften, 6 Jugendverbände und 11 sonstige Werke.

Chancen für christliche Botschaft in der Presse

Während der idea-Mitgliederversammlung referierte ferner Pfarrer Matthias Schreiber (Düsseldorf), Beauftragter für die Kontakte zu Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen, über „christliche Publizistik im Kreuzpunkt zwischen Kirche und Politik“. Wie er sagte, leide vor allem die Kirchengebietspresse seit Jahren unter Auflagenschwund. Trotzdem sei nicht alles schlecht um die Vermittlung der christlichen Botschaft in der Presse bestellt. An hohen christlichen Feiertagen, etwa Weihnachten, widmeten große Publikationen wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung, das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ oder die Wochenzeitung „Die Zeit“ christlichen Themen sogar Titelgeschichten. Außerdem dürfe man nicht den Wert wöchentlicher Andachten in Regional- und Lokalzeitungen unterschätzen. Kostenlose Werbezeitungen brächten kirchliche Nachrichten, weil sie wüssten, dass sich dadurch ihre Leserbindung erhöhe. Im Zentrum christlicher Publizistik müsse die Botschaft von Jesus Christus stehen. Sie sei „der rote Faden“. Außerdem sollten ihre Beiträge den Geist der Liebe und Freiheit, der Redlichkeit und Besonnenheit atmen sowie Mut und Zuversicht statt Mutlosigkeit und Angst verbreiten.

Feier: 40 Jahre idea

Die Evangelische Nachrichtenagentur idea, die das Wochenmagazin ideaSpektrum herausgibt, begeht in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen. Dazu lädt sie zu einem Fest am 12. Juni nach Wetzlar ein. In einem Großzelt vor dem Verlagshaus sollen Leser den Mitarbeitenden begegnen, feiern, und Neues über idea erfahren können. Hauptredner ist der Leiter der Aktion ProChrist, Pfarrer Ulrich Parzany. idea ist ferner im Internet und Fernsehen aktiv und veranstaltet alle zwei Jahre mit der Beratungsfirma tempus (Giengen bei Ulm) einen Kongress christlicher Führungskräfte. Ihre Medienagentur zeichensetzen gibt auch Kalender und Grußkarten heraus. Vorstandsvorsitzender und Mitgründer von idea ist Pastor Horst Marquardt (Wetzlar).