19. November 2017

Man kann ja nicht immer schweigen

Quelle: idea.de

München (idea) – Jubel brandet auf unter hunderten Regenschirmen, als sich Margot Käßmann und Nikolaus Schneider am 13. Mai auf das Podium der Kirchenpresse beim Ökumenischen Kirchentag in München begeben. Das Kirchenvolk beider Konfessionen beklatscht die wegen ihrer Trunkenheitsfahrt Ende Februar zurückgetretene hannoversche Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende.
 

Die Konsequenzen, die sie aus ihrem Fehltritt zog, haben die Sympathie für die 51-Jährige nur noch gesteigert – weil sie sich nicht als unfehlbar darstellt, sondern zu ihren Schicksalsschlägen (Brustkrebs), Niederlagen (Scheidung) und Fehltritten (Alkoholfahrt) steht. Ein bisschen Wehmut schwingt mit im Applaus unter dem Nieselregen. Aber auch Ermutigung, als sie neben ihrem amtierenden Nachfolger an der Spitze der EKD, Präses „Niko“ Schneider, auf dem roten Sofa zum Interview Platz nimmt. Er im kirchenoffiziellen schwarzen Anzug, sie im eleganten beige-braun gestreiften Kostüm – ein Bild für den Wandel, der sich da vor zweieinhalb Monaten vollzogen hat.

Eingespieltes Duo

Margot Käßmann genießt es, wieder im Rampenlicht zu stehen: „Ich freue mich riesig, auf dem Ökumenischen Kirchentag zu sein.“ Man könne ja nicht ewig schweigen „und sich ins Bett verkrümeln“. Über ihre Gefühle nach dem Rücktritt und über ihre Zukunftspläne verrät sie freilich nichts. Schneider und Käßmann bilden ein gut eingespieltes Duo. Viel trennt sie nicht in ihren theologischen und politischen Ansichten. Schneider hat denn auch nach eigenen Worten den „Rollenwechsel“ an die Spitze der EKD nach einem Stück Trauerarbeit über Käßmanns Amtsverzicht gut verkraftet. Es gebe keine Krise in der EKD.

Käßmann: Ich erlebe noch gemeinsames Abendmahl

Zu den Themen, die im Interview angesprochen werden – von der Ökumene über den Missbrauch bis zu Mindestlöhnen und Afghanistan – gibt es zwischen beiden keine Diskussion. Im Moment sehe sie keinen großen Durchbruch in den ökumenischen Kernfragen zwischen Protestanten und Katholiken, also Amts- und Kirchenverständnis und Abendmahl, sagt Käßmann. Aber sie glaube, dass sie das gemeinsame Abendmahl noch erleben werde. Und Schneider weist auf die Probleme von „konfessionsverbindenden“ Ehen hin, die nicht an der Eucharistie teilnehmen dürfen. Das sei einfach nicht zu verstehen – einerseits erlebten sie intime Gemeinschaft im Ehebett, aber an den Tisch des Herrn dürften sie nur getrennt gehen.

Missbrauch: Keine evangelische Häme

Im Blick auf die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche gibt es laut Schneider von evangelischer Seite keinen Anlass zur Häme: „Leidet der eine, leidet der andere mit.“ Dringend müsse man neu über Sexualmoral und Sexualethik nachdenken. Die EKD bereite eine Denkschrift zu diesem Thema vor. Die katholische Kirche sei durch lehramtliche Entscheidungen „sehr gebunden“, die Geschlechtsverkehr nur im Zusammenhang mit dem Zeugen von Kindern sehe. Die evangelische Kirche betrachte Sexualität hingegen als gute Gabe Gottes, an der man Freude haben dürfe. Wenn daraus Kinder entstehen, so sei das gut, aber man dürfe es nicht darauf reduzieren. Auch dafür erhält Schneider Beifall.

Rückzug aus Afghanistan

Käßmann steht zu ihrem umstrittenen Wort: „Nichts ist gut in Afghanistan.“ Denn 2001 sei das Mandat für den Militäreinsatz mit dem Ziel erteilt worden, das Land und seine gesellschaftliche Ordnung wieder aufzubauen. Davon sei man immer noch weit entfernt. Schneider ergänzt: Wenn die Politik erkenne, dass das ursprüngliche Ziel nicht zu erreichen sei, dann müsse man das auch eingestehen – und eine geordneten Rückzug einleiten, der in dem Land keinen „Trümmerhaufen“ hinterlasse.

Katholischer Bischof dankt „unserer Landesbischöfin“

Mit den katholischen Bischöfen ist Frau Käßmann, wie sie sagt, meist gut zurechtgekommen. Es gehöre zur Ökumene, dass man das unterschiedliche Amtsverständnis der anderen Kirche respektiere. Das sei bei der Russisch-Orthodoxen Kirche nicht so der Fall, die die Zusammenarbeit mit der EKD aufkündigte, weil an ihrer Spitze eine Frau stand. Mit Katholiken gab es solche Probleme nicht. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode habe beim Katholikentag 2008 sogar „unserer Landesbischöfin“ für ihre Predigt gedankt. Viele, die geduldig im Münchner Nieselregen ausharren, würden es wohl ähnlich sehen.