18. November 2017

Kirchen sollten eine „Kontrastgesellschaft“ leben

Quelle: idea.de

München (idea) – Kirchen können Hoffnung in der Welt verbreiten, wenn sie den Mut haben, eine Kontrastgesellschaft zu leben. Diese Ansicht vertrat die frühere EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischöfin a.D. Margot Käßmann (Hannover), am 15. Mai beim Ökumenischen Kirchentag in München.
 

Wie sie sagte, könnten Christen auch anderen Menschen Hoffnung machen, wenn sie Grenzen überwänden und sich den Gesetzen der Welt nicht beugten. „Da lob ich mir die Freiheit eines Christenmenschen“, so die Theologin. Kirche sollte – obgleich sie mitten in der Welt existiere – ein Ort sein, „an dem es keine Hierarchie gibt zwischen Männern und Frauen, ein Ort, an dem Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben, angstfrei leben können, ein Ort, an dem Kinder nicht Objekt von Erziehung oder gar Missbrauch sind, sondern Subjekte, die geachtet und ernst genommen werden“. Christen sollten die Bezeichnung „Weltverbesserer“ nicht länger als Beschimpfung, sondern als Ehrentitel verstehen: „Weltverbesserer wollen wir sein.“

Missbrauchsfälle lückenlos aufarbeiten

Mit Blick auf die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen sprach sie sich für eine lückenlose Aufklärung aus. „Als Kirchen können wir Zeichen der Hoffnung sein, wenn wir uns der Schuld stellen, die Verantwortliche seinerzeit auf sich geladen haben.“ Körperliche Bestrafung und seelische Demütigung seien in der Erziehung absolut inakzeptabel. Die Aufarbeitung der Vergangenheit sei auch deshalb notwendig, damit die „hervorragende Arbeit unserer Mitarbeiter heute in den Einrichtungen nicht durch die Verfehlungen der Vergangenheit infrage gestellt wird“. In ihrer Zeit als Bischöfin habe sie unzählige engagierte Erzieherinnen und Erzieher getroffen. „Und mir liegt daran, dass Kinder in unseren Einrichtungen heute Vertrauen haben dürfen, dass sie mit ihren Gaben gefördert und gewaltfrei erzogen werden.“

Einmischen in die Verhältnisse dieser Welt

Zu der umstrittenen Frage, ob Kirchen sich auch zu politischen Themen äußern sollten, erklärte Käßmann unter Applaus: „Wir können unseren Glauben gar nicht anders leben, als dass wir uns einmischen in die Verhältnisse dieser Welt.“ Sie kritisierte in diesem Zusammenhang erneut den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Mit Bezug auf die Äußerungen des Wehrbeauftragten des Bundestages, Reinhold Robbe, Frau Käßmann solle sich doch mit den Taliban in ein Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten, sagte die Pfarrerin: „Ich sage das noch einmal und im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte: Vielleicht würden die Kirchen gerade so zu Zeichen der Hoffnung in der Welt, indem sie Geist, Logik und Praxis des Militärischen durchbrechen.“