18. November 2017

Für Missbrauchsopfer gibt es zu wenig Hilfsangebote

Quelle: idea.de

v.l.: Die Bundesbeauftragte für Fälle von sexuellem Missbrauch, die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD), und die Gründerin und Leiterin des Opferschutzvereins „Zartbitter“, Ursula Enders. Foto: idea/Ottmar

v.l.: Die Bundesbeauftragte für Fälle von sexuellem Missbrauch, die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD), und die Gründerin und Leiterin des Opferschutzvereins „Zartbitter“, Ursula Enders. Foto: idea/Ottmar

München (idea) – Trotz der öffentlichen Empörung über die Missbrauchsfälle in kirchlichen und säkularen Einrichtungen fehlt es an Hilfsangeboten für die Betroffenen. Das kritisierte die Gründerin und Leiterin des Opferschutzvereins „Zartbitter“, Ursula Enders (Köln), auf einer Podiumsveranstaltung des 2. Ökumenischen Kirchentags am 13. Mai in München.
 

Sie verzeichne derzeit eine „Flut von aktuellen Fällen“. Für die betroffenen Kinder und deren Eltern gebe es aber keine Hilfe. „Es ist so, als ob Kinder auf der Autobahn angefahren werden, die Gesellschaft registriert es, aber es gibt keine Versorgung“, sagte Enders. Die 57-Jährige kritisierte auch, dass im Falle einer Anzeige es nicht möglich ist, die Kinder zu therapieren, solange sie keine Aussage vor Gericht gemacht haben. Da die Strafverfahren mitunter zwei Jahre dauerten, blieben die Betroffenen somit in dieser Zeit mit ihren seelischen Nöten alleine. Während flächendeckend Beratungsstellen für die Täter eingeführt würden, fehle es an Beratungsangeboten für die Opfer. Kritik übte sie auch den Kirchen. Die Kirchenleitenden seien nicht bereit gewesen, mit Betroffenen zu sprechen, sondern hätten diese Aufgabe „nach unten delegiert“. Man habe zwar viele Entschuldigungen ausgesprochen. Sie wünsche sich aber, „dass die Kirche Verantwortung übernimmt“, sagte Enders.

Bergmann: Opfern geschah doppeltes Unrecht

Die Bundesbeauftragte für Fälle von sexuellem Missbrauch, die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD), sprach von einem „doppelten Unrecht“, das den Opfern widerfahren sei. Zunächst hätten sie den Missbrauch erlebt, anschließend sei ihnen die Hilfe verweigert worden. Auch wenn die nun bekannt gewordenen Fälle zum Teil lange Zeit zurückliegen sei es wichtig, das Unrecht und die Täter zu benennen. Schließlich hätte der Missbrauch oft lange Nachwirkungen. Zudem sprach sie sich für mehr Fortbildungsangebote für diejenigen aus, die mit Kindern arbeiten. Die Traumatherapeutin Sabine Hufendiek (Berlin) sagte, es gebe zwar viele, die sich weiterqualifizieren wollen. Oftmals fehle es aber dafür an den nötigen finanziellen Mitteln. Für mehr Präventionsangebote sprach sich die ehemalige Familienrichterin Christa Seeliger (Bonn) aus.

Medien berichteten unsachlich

Der Leiter der Beratungsstelle Phoenix, Christoph Fleck (Saarbrücken), kritisierte die Berichterstattung in den Medien, die zuweilen unsachlich über das Thema berichtet hätten. Dies hätte dazu geführt, dass Opfer – die eigentlich davon ausgegangen waren, sie hätten ihre Erfahrungen längst verarbeitet – wieder neu aufgewühlt würden.

Eine Kultur des Hinsehens entwickeln

Vor der Podiumsdiskussion hatte auch der evangelische Präsident des Ökumenischen Kirchentags, der Mediziner Prof. Eckhard Nagel (Bayreuth), Stellung zu dem Thema bezogen: Er bezeichnete den sexuellen Missbrauch im kirchlichen Raum als eine „Ungeheuerlichkeit“. Das Fundament des Vertrauens sei „wie von einem Erdbeben erschüttert“ worden. Er forderte dazu auf, eine „Kultur des Hinsehens“ zu entwickeln. Sexueller Missbrauch dürfe nicht mehr tabuisiert werden. „Lasst uns die Botschaft ins Land senden, dass wir nicht mehr wegschauen werden (…)“, so Nagel.