19. November 2017

Kontroverse um Theologiestudium bahnt sich an

Quelle: idea.de

EKD-Oberkirchenrat Joachim Ochel. Foto: EKD

EKD-Oberkirchenrat Joachim Ochel. Foto: EKD

Hannover/Gießen (idea) – Eine Kontroverse über die Anerkennung von Studienleistungen bahnt sich zwischen der evangelikal orientierten Freien Theologischen Hochschule (FTH) Gießen einerseits sowie der EKD und dem Evangelisch-theologischen Fakultätentag andererseits an.
 

Im Kern geht es um die Frage, ob die 2008 akkreditierte Hochschule den wissenschaftlichen Ansprüchen an das Theologiestudium für ein Pfarramt in den Landeskirchen gerecht wird. Anlass für die Auseinandersetzung sind die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Zukunft der Theologie an deutschen Hochschulen. Die Theologie wird in diesen Empfehlungen an der Universität verortet. Über die theologischen Ausbildungsstätten in freikirchlicher Trägerschaft oder mit evangelikaler Prägung heißt es darin, sie seien „eng auf die Erfordernisse der freikirchlichen Gemeindepraxis fokussiert“. In einer Auswertung der Empfehlungen durch den Kontaktausschuss zwischen dem Rat der EKD und dem Fakultätentag wird Kritik am Wissenschaftsrat geäußert, weil dieser zu wenig zwischen Ausbildungsstätten in freikirchlicher Trägerschaft und solchen mit evangelikaler Prägung unterscheide. Explizit werden auf der einen Seite die staatlich anerkannte Fachhochschule der Evangelisch-methodistischen Kirche in Reutlingen und das Theologische Seminar des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland (Baptisten- und Brüdergemeinden) in Elstal bei Berlin genannt. Mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit seien sie mit den Kirchlichen Hochschulen vergleichbar, erklärte EKD-Oberkirchenrat Joachim Ochel (Hannover) gegenüber idea.

Streitpunkt historisch-kritische Methode

Dagegen gebe es zwischen den Evangelisch-theologischen Fakultäten und der FTH sowie dem Theologischen Seminar Tabor (Marburg) teils erhebliche Unterschiede. Man arbeite deshalb an verbindlichen Kriterien, die klären sollen, welche Studienleistungen bei einem Wechsel von einer akkreditierten Hochschule in freier oder freikirchlicher Trägerschaft anerkannt werden können. Spätestens im Herbst solle darüber Rechtssicherheit bestehen. Für evangelikale Studenten könnte es dann schwerer werden, in einem kirchlichen Studiengang weiter zu studieren. Grund sind Differenzen etwa bei der Anwendung der historisch-kritischen Methode. Während an den evangelischen Fakultäten diese selbstverständlich genutzt wird, wird sie an der FTH eher kritisch gesehen. Der Kontaktausschuss schloss sich in seinem Papier einer Bewertung der Journalistin Heike Schmoll (Frankfurter Allgemeine Zeitung) an, die geschrieben hatte: „Das vom Wissenschaftsrat formulierte Ziel der Theologien, den rationalen Umgang mit der christlichen Tradition zu fördern und fundamentalistischen Lesarten (…) zu wehren, steht freilich in erheblicher Spannung zur Akkreditierung der Freien Theologischen Akademie in Gießen …“

FTH kritisiert „Abschottungsstrategie“ der Kirche

Die FTH spricht von einer Abschottungsstrategie der Kirche. „Während die neuen Hochschulen die Einladung des Wissenschaftsrates und der Landesregierungen zur Dialogbereitschaft im Wissenschaftsgespräch aufgreifen, schotten sich die theologischen Fakultäten ab. Um ihr Monopol im Hochschulbereich zu halten, hatte es in der Vergangenheit genügt, die Habilitation evangelikaler Theologen mit entsprechenden Verfahren zu verhindern. Jetzt, wo Wissenschaftsrat und Länder den wissenschaftlichen Diskurs unterschiedlicher Theologien auf Hochschulebene eröffnet haben, stellt der Kontaktausschuss die Sachkompetenz des Wissenschaftsrates bei der Akkreditierung evangelikaler Hochschulen infrage“, sagte der Rektor der FTH, Prof. Helge Stadelmann, gegenüber idea. Ochel wies die Vorwürfe zurück. Es gehe nicht um eine Abschottung, sondern um die Vergleichbarkeit von Studienleistungen. Er verwies darauf, dass auch der Wissenschaftsrat in seinem Akkreditierungsbescheid von 2008 Mängel bei der Forschung und dem wissenschaftlichen Anspruch an der FTH benannt habe. So hatte er seinerzeit unter anderem die Trennung der FTH von dem Institut für Israelogie und dem Institut für Ethik und Werte zur Auflage gemacht, da es sich bei beiden nicht um wissenschaftliche Einrichtungen handele. Im Fachgebiet „Altes Testament“ wurde kritisiert, dass die Befähigung zur eigenständigen Textanalyse im Studium erst nachgeordnet erfolge und die Vermittlung inhaltlicher Positionen anfangs im Vordergrund stehe.