22. November 2017

Jedem Tierchen sein Plaisierchen

Quelle: ideaPressedienst 19.04.2010

Das Programm des 2. Ökumenischen Kirchentages in München
 

B E R I C H T von Matthias Pankau

Die Premiere 2003 war ein so großer Erfolg, dass man sich zu einer Fortsetzung entschloss. Rund 200.000 Besucher zählte der 1. Ökumenische Kirchentag vor sieben Jahren in Berlin. Mindestens genauso viele erwarten der Deutsche Evangelische Kirchentag und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken als Veranstalter diesmal in München. Rund 3.000 Veranstaltungen zu vier großen Themenbereichen stehen auf dem Programm. Kirchentage bieten bekanntlich für jeden etwas – für bibelorientierte Christen, für Freunde der Ökumene, Befreiungstheologen, Feministinnen, Lesben, Schwule, Moslems, Buddhisten und so weiter. Da unterscheidet sich der Ökumenische Kirchentag auch nicht vom Evangelischen, wie ein Blick in das mehr als 700 Seiten starke Programm-„Heft“ zeigt.

Wo es kein Pro & Kontra gibt
Doch zunächst einige Beispiele, warum sich der Weg nach München lohnen kann. So wird die Situation der Christen im Heiligen Land beleuchtet. „Christen im Nahen Osten – fast 2.000 Jahre Christentum vor dem Aus?“, fragt ein Podium mit dem Nahostbeauftragten der EKD, dem bayerischen Landesbischof Johannes Friedrich (München). Bleiben wir im Nahen Osten: Auch das Verhältnis von Juden und Christen wird in mehreren Veranstaltungen thematisiert. „Mission Impossible – Eine evangelische Stimme zur Judenmission“ lautet ein Titel. Die gleiche Veranstaltung gibt es auch mit einer „katholischen Stimme“. Die „jüdische Stimme“ sagt schon in der Ankündigung klipp und klar: „Nein zur Judenmission“. Eine Stimme „pro Judenmission“ sucht man im Programm vergebens. Von Interesse für viele evangelikale Christen ist sicher auch die Veranstaltung „Kreationismus in der Diskussion“ mit dem Biologieprofessor und ehemaligen Vorsitzenden der evangelikalen Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“, Siegfried Scherer (München).

Im Themenbereich 3 – „Suchen und Finden: Christsein und die vielfältigen Orientierungen“ geht es um die Rolle der Religion und der Religionsfreiheit. Einer der Hauptvorträge beschäftigt sich mit der Frage „Kehrt die Religion zurück?“. „Wie weit geht die Religionsfreiheit? Aktuelle Konflikte um ein Grundrecht“ lautet der Titel eines Podiums mit Verfassungsrechtler Prof. Ernst-Wolfgang Böckenförde und dem langjährigen EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Wolfgang Huber. Schnell steht da die Frage im Raum „Wie viel Religion verträgt die Demokratie?“. Antworten geben u. a. der Verfassungsrechtler Prof. Paul Kirchhof.

Ehrenamt, Demenz, Diktatur
Im Themenbereich 4 – „Glauben leben: Christsein in der Vielfalt der Kirchen“ dürfte die Veranstaltung „Kirche ohne Pfarrer? Christentum in Selbstorganisation – Profession und Ehrenamt“ auf starke Resonanz stoßen – betrifft sie doch immer mehr Gemeinden. „Geistige und praktische Neuansätze für Kirche heute“ werden in einem Seminar zum Thema „Emerging Church“ geboten. Aktuell auch das Forum „Chancen und Grenzen des Lebens im Alter“ (Themenbereich 2 – „Miteinander leben: Christsein in der offenen Gesellschaft“). Hier geht es unter anderem um Leben mit Demenz und um die Frage, wie man eine alternde Gesellschaft am besten gestaltet. Hingewiesen sei auch auf die Podienreihe „Erinnern, Diktatur, Widerstand, Neuanfänge“. Erfreulich dabei: Es wird nicht nur der Nationalsozialismus thematisiert, sondern auch die zweite deutsche Diktatur im 20. Jahrhundert – die sozialistische DDR. Besonders zu empfehlen die Veranstaltung: „Ich war dabei! Junge Leute fragen Zeitzeugen“ im „Zentrum Jugend“. In dem vom CVJM Berlin veranstalteten Podium erzählen Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) und der frühere Diakon und Jugendwart der sächsischen Landeskirche Eberhard Heiße jungen Menschen, wie sie die DDR erlebt haben. Heißes Stasi-Akte umfasste mehr als 4.000 Seiten. Auch seine Kinder bekamen den langen Arm der DDR-Staatsmacht zu spüren: Einer der Söhne saß im Zuchthaus in Brandenburg, die Tochter kam ins berüchtigte Frauengefängnis Hoheneck.

Erbauliches …
Auch wenn der Kirchentag weder den Anspruch noch den Ruf hat, besonders erbaulich zu sein, so muss doch niemand auf den einen oder anderen geistlichen Impuls verzichten. So wird es beispielsweise einen von der Geistlichen Gemeinderneuerung in der Evangelischen Kirche und von der Charismatischen Erneuerung in der Katholischen Kirche gestalteten Segnungsgottesdienst zum Thema „Heilender Glaube – heilende Gemeinschaft“ geben. Auch ProChrist-Hauptredner Ulrich Parzany wird mehrere Andachten und Bibelarbeiten halten.

… und Fragwürdiges
Doch wie bei jedem Kirchentag gibt es auch diesmal viel Fragwürdiges. Beginnen wir mit dem Begegnungszentrum Christen und Muslime: Wie man es aus der Vergangenheit schon kennt, wird es auch in München christlich-muslimische Dialogbibelarbeiten geben, bei denen ein Moslem und ein Christ gemeinsam einen Bibeltext auslegen. Eine solche Dialogbibelarbeit werden der kurhessen-waldeck‘sche Bischof Martin Hein (Kassel) und die Islamwissenschaftlerin Ayse Basol-Gürdal (Frankfurt am Main) gestalten, eine andere der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Olav Fykse Tveit (Genf), zusammen mit dem muslimischen Theologen Ataullah Siddiqui (Markfield/Großbritannien). Zu Christi Himmelfahrt findet ein christlich-islamischer Workshop mit dem Titel „Christi Himmelfahrt – Himmelfahrt Muhammads“ statt. Auch mit Veranstaltungen wie „Christen fragen Muslime – Muslime fragen Christen“ oder „Was bringt der Dialog?“ bemüht man sich um das interreligiöse Miteinander. Nur mit diesen zum Teil fast krampfhaft anmutenden Bemühungen ist es wohl auch zu erklären, dass der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir, die Schirmherrschaft für das Kirchentags-Umweltprojekt „KlimaKultur“ übernommen hat. Ein Moslem als Schirmherr bei einem christlichen Kirchentag – wäre so etwas umgekehrt auch denkbar? Einer der Höhepunkte des christlich-muslimischen Begegnungszentrums ist aber sicherlich die „christlich-muslimische Speise-Reise“ unter dem Thema „Essen wir süß – sprechen wir süß“. Ach, wenn es doch nur so einfach wäre! Nirgendwo scheint hingegen vorgesehen zu sein, dass gesagt wird, was das Neue Testament durchweg bezeigt: dass das ewige Heil allein in Jesus Christus liegt.

„Guter Tag zum Schwulsein“
Kein Kirchentag ohne sie: Auch das Forum Homosexuelle und Kirche (HuK) ist wieder präsent. Insgesamt stehen 28 schwul-lesbische Veranstaltungen im Kirchentagsprogramm. Wie bei fast jedem Kirchentag kann man sich auch in München einer „schwullesbischen Stadtführung“ anschließen. „Samstag ist ein guter Tag zum Schwulsein“, lautet der Titel einer Lesung, die passenderweise am Samstag stattfindet. Als wollte man der Aussage besonderen Nachdruck verleihen, findet die Filmvorführung „Homosexuell und christlich – das geht!“ gleich zweimal statt. In „Gesegnet auf gemeinsamen Wegen“ geht es um die kirchliche Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Besonders neugierig macht die Veranstaltung „Damit ihr Hoffnung habt – Zum Verhältnis von transsexuellem/transgender Leben und der Kirche“; hier wird als Referentin die systemische Therapeutin und „Väterin“ Mari Günther (Berlin) angekündigt. Was eine „Väterin“ wohl sein mag …

„Etikettenschwindel“?
Die Tatsache, dass es nach „Berlin“ auch in München kein gemeinsames Abendmahl von Protestanten und Katholiken geben wird, verärgert manche Christen. Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer warf dem Ökumenischen Kirchentag deshalb gar „Etikettenschwindel“ vor. „Ich fahre nicht hin“, schreibt er in einem Beitrag für das ökumenische Magazin „Publik-Forum“. Grund sei vor allem die Trennung beim Abendmahl zwischen Protestanten und Katholiken: „Ich frage alle, die schon jahrzehntelang sagen ‚Wir sind noch nicht so weit’: Wann wird denn dieser Tag kommen, an dem wir bereit sind – und wer ist hier ‚wir’?“ Die Ökumene-Bremse bleibe offenbar fest angezogen, kritisiert Schorlemmer. Er habe als evangelischer Christ keine Schwierigkeiten, die römisch-katholische Kirche in vollem Sinn als Kirche anzuerkennen. „Und ich möchte gern erwarten, dass wir – wenn wir Ökumene ernst nehmen – auch von den katholischen Geschwistern in vollem Sinn als eine Kirche Jesu Christi verstanden werden.“ Viele theologisch konservative Protestanten dürfte dagegen ganz anderes ärgern: dass in München einmal mehr zu wenig von Gebet, Evangelisation und dem „solus Christus“ gesprochen wird. Ein Kirchentag ganz in der Tradition der evangelischen Kirchentage – weithin leider ohne theologisch eindeutig christliches Profil.