21. November 2017

Fast alle Gemeinschaftsverbände im Osten schrumpfen

Quelle: idea.de

Der Inspektor des Landesverbandes Landeskirchlicher Gemeinschaften in Sachsen, Matthias Dreßler.

Der Inspektor des Landesverbandes Landeskirchlicher Gemeinschaften in Sachsen, Matthias Dreßler.

Leipzig (idea) – Fast alle Gemeinschaftsverbände in den östlichen Bundesländern haben in den vergangenen zehn Jahren Mitglieder verloren. Aufgrund eines Wachstums im größten Verband – dem sächsischen – konnte die Gemeinschaftsbewegung insgesamt allerdings ein Mitgliederplus verzeichnen. Das hat eine idea-Umfrage ergeben.
 

So stieg die Gesamtmitgliederzahl der Gemeinschaftsverbände im Osten von 14.302 im Jahr 2000 auf 16.828 Ende vergangenen Jahres; das entspricht einem Plus von rund 15 Prozent. Hauptgrund dafür ist ein Plus im Landesverband Landeskirchlicher Gemeinschaften in Sachsen. Hier stieg die Zahl der Mitglieder innerhalb von zehn Jahren von 9.250 auf 12.400. Inspektor Matthias Dreßler (Chemnitz) wies gegenüber idea allerdings darauf hin, dass die Differenz „nicht allein als ein freundliches Gemeinschaftswachstum angesehen werden kann“. Zwar kämen immer wieder neue Mitglieder hinzu. Allerdings hänge das Plus auch mit einer neuen Zählweise zusammen. So sei neuerdings etwa die EC-Jugendarbeit eingeschlossen. Womit man auch in Sachsen ­– vor allem in ländlichen Regionen – zu kämpfen habe, sei der durch Wegzug bedingte Mitarbeitermangel, sagte Dreßler.

Deutlichster Rückgang in Mecklenburg

Das ist auch für die anderen Verbände die größte Herausforderung. Vor allem junge Menschen gingen in die westlichen Bundesländer, weil sie dort bessere Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten vorfänden. Den deutlichsten Mitgliederrückgang musste der Mecklenburgische Gemeinschaftsverband hinnehmen. Die Zahl seiner Mitglieder ging von 511 im Jahr 2000 auf 410 Ende 2009 zurück. Wie Inspektor Hartmut Stropahl (Rostock) gegenüber idea sagte, ist der Mitgliederschwund am stärksten in Waren (-41 Prozent), Wismar (-35 Prozent) und Neubrandenburg (-33 Prozent). Gründe dafür seien neben Wegzügen auch theologische Meinungsverschiedenheiten und Streit innerhalb der Gemeinden. Es gebe aber auch wachsende Gemeinschaften. In Parchim etwa habe sich die Zahl der Jugendlichen, die in die Gemeinde kämen, durch „intensive missionarische Arbeit“ innerhalb von zehn Jahren verdoppelt.

„Unser Gebet ist, dass Menschen zurückkommen“

Den zweitstärksten Mitgliederrückgang verzeichnet der Thüringer Gemeinschaftsbund. Hatte er im Jahr 2000 noch 1.020 Mitglieder, waren es Ende 2008 (die Zahlen für 2009 liegen noch nicht vor) noch 883. Laut Inspektor Johannes Ott (Schmalkalden) spiegelt sich in der Entwicklung vor allem der Wegzug jüngerer Menschen wider. Ähnlich sieht es im Gemeinschaftswerk Berlin-Brandenburg aus. Hier ging die Zahl der Mitglieder von 1.738 im Jahr 2000 auf 1.538 Ende 2009 zurück. „Unser Gebet ist, dass Menschen nach Ausbildung und Studium wieder in ihre Heimat zurückkommen, hier Arbeit finden und sich wieder in ihrer Gemeinschaft engagieren“, sagte Inspektor Friedhelm Geiß (Woltersdorf) gegenüber idea. Eine weitere Herausforderung sieht er darin, Menschen „über die engen Grenzen der Kern- und Kirchengemeinden hinaus“ anzusprechen.

Wegzügler sollen Herkunftsgemeinde finanziell unterstützen

Auch der Gemeinschaftsverband Sachsen-Anhalt schrumpfte in den vergangenen zehn Jahren – von 1.132 Mitgliedern auf 982. Vor allem die Arbeit des Jugendverbandes „Entschieden für Christus“ (EC) leide unter dem Aderlass der jungen Generation, von der ein Großteil in den Westen gehe. Um die Arbeit der Gemeinschaftsverbände im Osten dennoch sicherzustellen, schlägt Inspektor Thomas Käßner (Dessau) vor, dass alle Christen, die in die westlichen Bundesländer ziehen, ihren Gemeindebeitrag in den nächsten zehn Jahren weiterhin an ihre Herkunftsgemeinde überweisen. „Die Zuzugsgemeinden im Westen haben neue Mitarbeiter gewonnen, die in der Regel nicht zu uns zurückkommen“, erklärte Käßner gegenüber idea. „Bei uns bliebe dann aber wenigstens etwas mehr Geld, damit es nach der Ausdünnung an Besuchern und ehrenamtlichen Mitarbeitern nicht auch noch zu einem Schwund an Hauptamtlichen kommen muss, weil es an Finanzen fehlt.“

Neue Gemeinschaft auf Usedom

Im kleinsten Verband, dem Gemeinschafts-Diakonie-Verband Berlin, blieb die Mitgliederzahl nach Angaben von Geschäftsführer Johannes Weider in den vergangenen zehn Jahren konstant bei 200. Im zweitkleinsten Verband, dem „Landesverband evangelischer Gemeinschaften in Vorpommern“ – so der neue Name – sank die Mitgliederzahl leicht: von 295 im Jahr 2000 auf 265 Ende 2009. Grund dafür sind nach Worten von Inspektor Karl-Heinz Schlittenhardt (Greifswald) zwei Gemeindespaltungen innerhalb des Verbandes, ohne die die Mitgliederzahl konstant geblieben wäre. Eine erfreuliche Entwicklung gebe es auf der Insel Usedom: Dort habe sich ein seit Jahren bestehender Bibelkreis zu einer eigenen Gemeinschaft entwickelt. Auch der Elbingeröder Gemeinschaftsverband verzeichnete einen leichten Mitgliederrückgang von 356 auf 350 (Ende 2008). Die Berliner Stadtmission konnte auf Anfrage keine Mitgliederzahlen nennen, da die Grenze zwischen Mitgliedern und Gottesdienstbesuchern fließend sei.