19. Januar 2018

Moderner Atheismus ist weltliche Religion

Quelle: idea.de

Leipzig (idea) – Der moderne Atheismus ist eine verweltlichte Form von Religion. Das sagte der Vorsitzende des Bibelbundes, der evangelikale Theologe Michael Kotsch (Bad Meinberg bei Bielefeld), am 21. März auf der Leipziger Buchmesse. Die Zeit des ideologischen Atheismus, wie er sich vor allem im Kommunismus und Sozialismus des 20. Jahrhunderts gezeigt habe, sei weitestgehend vorbei.
 

Heute trage der Atheismus religiöse Züge. Er versuche zunehmend auch Sinnfragen wie die nach dem Woher und Wohin des Lebens zu beantworten, auf die die Menschen bisher Antworten in der Religion suchten. Die „Bibel“ vieler Atheisten sei das Buch „Der Gotteswahn“ des Oxforder Evolutionsbiologen und Bestsellerautors Prof. Richard Dawkins. Dieser schreibe unmissverständlich, dass er Menschen zum Atheismus bekehren wolle.

„Gewohnheitsatheisten“ in Ostdeutschland

Wie Kotsch weiter sagte, vermute er, dass gerade im Osten Deutschlands viele Menschen keinesfalls intellektuell überzeugte Gottesleugner seien, sondern „Gewohnheitsatheisten“. Doch fühlten sich viele nach den jüngst bekannt gewordenen Fällen von Kindesmissbrauch in katholischen wie evangelischen Einrichtungen bestärkt darin, nicht zur Kirche zu gehören. „Und es war tatsächlich falsch, den Eindruck zu erwecken, unter uns Christen sei alles heile Welt“, sagte Kotsch.

Ohne Religion wäre die Welt nicht friedlicher

Er widersprach der Ansicht vieler Atheisten, eine Welt ohne Religion sei friedlicher. „Wenn wir an das vergangene Jahrhundert zurückdenken, waren die großen Kriege keine religiösen“, erklärte er. Diktatoren wie Hitler, Stalin, Mao Tse Tung und Pol Pot hätten viele Millionen Menschen in den Tod geschickt. Auch heute habe ein Großteil der Gewalttaten keinen religiösen Hintergrund, etwa die zunehmende Jugendgewalt. Der Vorteil der Religion gegenüber dem Atheismus bestehe für ihn darin, dass der gläubige Mensch sich Gott als letzter Instanz verantwortlich wisse. Wer diese höchste Instanz nicht habe, werde schnell zur „Manipulationsmasse“ der jeweils herrschenden Weltsicht. Zu der Veranstaltung unter dem Thema „Was will der moderne Atheismus“ hatte die Evangelische Nachrichtenagentur idea eingeladen.