25. Februar 2018

Was ist aus der Sünde geworden?

Quelle: idea.de

„Spiegel“-Titel: Sie wird nicht mehr ernst genommen.

„Spiegel“-Titel: Sie wird nicht mehr ernst genommen.

Hamburg (idea) – Die Sünde wird nicht mehr ernst genommen; sie hat ein Imageproblem. Das behauptet Spiegel-Autor Matthias Matussek. Das Hamburger Nachrichtenmagazin widmet die Titelgeschichte seiner neuesten Ausgabe diesem Thema.
 

Wie Matussek erläutert, ist nach christlicher, jüdischer und islamischer Definition derjenige sündig, der sich von Gott entfernt hat. Wo es jedoch, wie vielfach angenommen, keinen Gott mehr gebe, gebe es auch keine Sünde. Diese sei heute allenfalls „eine Art Verstoß gegen die soziale Straßenverkehrsordnung“ und, soweit Schuld und Seelenqual und Gewissensbisse damit verknüpft seien, „eine Sache für Therapeuten“. Partnertausch und Ehebruch kämen in jeder besseren Seifenoper vor, und Geiz sei keine Todsünde mehr, sondern „einfach nur geil“. Selbst dem Karneval sei das Besondere des sündigen Treibens abhanden gekommen. Es sei ganzjährig die Regel geworden.

Sünde als Politikum

Die Sünde ist jedoch, wie Matussek weiter schreibt, in der heutigen Zeit auch ein Politikum. Nicht zuletzt sei die unterschiedliche Bewertung der Sünde schuld an der „lähmenden Kommunikationslosigkeit zwischen dem strengen Islam und dem eher lockeren Westen“. Islamistische Selbstmordattentäter hätten den „gottlosen“ und „sündigen“ Westen zum Ziel. Matussek befasst sich insbesondere mit den – nach katholischer Lehre – sieben Todsünden: Hochmut/Eitelkeit, Geiz/Habgier, Genusssucht/Wollust, Zorn/Rachsucht, Völlerei/Selbstsucht, Neid/Eifersucht, Trägheit des Herzens/Trübsinn.

Wollust wird zum Fast Food

Der Autor führt dafür aktuelle Beispiele an, für Hochmut und Eitelkeit etwa den Schönheitskult. Fitnesscenter, Kosmetika, Botox-Kliniken und Wellnessfarmen setzten rund 20 Milliarden Euro pro Jahr allein in Deutschland um. Habgier und Geiz gehörten zu den Ursachen der gobalen Finanzkrise. Die Gier habe sich gerächt: Bis zu 30 Billionen US-Dollar (22 Billionen Euro) seien an Aktienkapital verbrannt worden, rund 60 Prozent des Aktienvermögens. Wollust sei zum Fast Food geworden; im Internet sei Sex in allen Formen greifbar. Dabei sei es zu einem „kalten Geschäft“ geworden „ohne jedes Interesse an echter Lust oder Ekstase oder gar Liebe“. Rund 100 Milliarden US-Dollar (74 Milliarden Euro) setze die Pornoindustrie jährlich um.

Rachsucht: Ex-US-Präsident Bush

Als ein Beispiel für Zorn und Rachsucht führt Matussek die Reaktion des früheren US-Präsidenten George W. Bush auf die Anschläge vom 11. September 2001 an. Dieser evangelikale Christ habe in religiösem Zorn einen Rachefeldzug gestartet. Der Irak-Krieg, unter falschen Voraussetzungen begonnen, habe bisher über 4.000 US-Soldaten und 100.000 Zivilisten das Leben gekostet. Völlerei sei inzwischen zu einem globalen Phänomen mit gesundheitlichen Folgen geworden. Den 1,6 Milliarden Übergewichtigen stünden eine Milliarde Hungernde gegenüber. Die christliche Tugend der Mäßigung sei freilich auch wieder mächtig im Kurs: „Diätberater und Fitnesskurse haben übernommen, was die Kirche einst dekretiert hat.“

Protestanten bekennen ihre Schuld kollektiv

Neid und Missgunst seien heute ebenfalls allgegenwärtig. So habe der Autovermieter Sixt für seinen Miet-Porsche mit dem Spruch geworben „Neid und Missgunst für 99 Mark“. Die Trägheit des Herzens zeige sich in der Gleichgültigkeit, mit denen Schreckensmeldungen aus aller Welt registriert würden. Allerdings erhebe immer wieder das Gewissen Einspruch dagegen. Der Mensch habe den Impuls zu helfen. Wo er ihn nicht verspüre, sei er krank, so Matussek. Wie aber gehe man mit der Sünde um, fragt der Spiegel-Autor und ergänzt: „Die Protestanten bekennen ihre Schuld kollektiv, vor der ganzen Gemeinde. Für Katholiken bietet sich der Beichtstuhl als Ort göttlicher Vergebung an.“