18. November 2017

Haitianer: Erdbeben ist ein Gericht Gottes

Quelle: idea.de

Neben Katastrophenhilfe brauchen die Überlebenden Seelsorge. Foto: Flickr.com/U.S. Army

Neben Katastrophenhilfe brauchen die Überlebenden Seelsorge. Foto: Flickr.com/U.S. Army

Port-au-Prince (idea) – Die meisten Christen in Haiti sehen in dem jüngsten verheerenden Erdbeben ein Gericht Gottes. Die Regierung habe Gott nicht die Ehre gegeben. Die meisten staatlichen Gebäude, aber auch Hotels, Supermärkte, Kirchen und andere Großbauten seien zerstört.
 

Das berichtet die christliche Entwicklungshelferin Doris Clotaire in einem Gebetsbrief aus Haiti. Ihr Mann Frantz Clotaire leitet in der Hafenstadt Les Cayes im Südwesten des Landes eine staatlich anerkannte Landwirtschaftsschule. Frau Clotaire ist von der Vereinigten Deutschen Missionshilfe (VDM/Bassum bei Bremen) in den Karibikstaat ausgesandt. Wie sie schreibt, reagierten die Menschen unterschiedlich auf die Naturkatastrophe. Manche dankten Gott für ihre Rettung, für andere könne es keinen Gott geben, wenn er so etwas Schreckliches zulasse. Die in Stuttgart ansässigen Organisationen „Hilfe für Brüder“ und „Christliche Fachkräfte International“ (CFI) wollen neben praktischer Aufbauhilfe mit Fachpersonal auch mit Literatur und seelsorglichen Diensten den Menschen helfen, ihr Trauma aufzuarbeiten. Etwa 55 Prozent der 10 Millionen Einwohner Haitis sind katholisch, 15 Prozent Baptisten, 8 Prozent Pfingstler, 3 Prozent Adventisten, 1,5 Prozent Methodisten und 0,7 Prozent Anglikaner. Den Rest bilden unter anderen Anhänger des Voodoo-Kults. Der Karibikstaat mit rund zehn Millionen Einwohnern gilt als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Die Hälfte der Bevölkerung muss mit weniger als einem US-Dollar (etwa 0,7 Euro) pro Tag auskommen.

Christliche Gemeinden werden Hilfszentren

Das Erdbeben vom 12. Januar und die Nachbeben haben nach Expertenmeinung etwa 200.000 Menschenleben gefordert. Bisher sind rund 80.000 Getötete begraben worden. Zwei Millionen Haitianer sind obdachlos. Christliche Gemeinden werden zu Zentren der Katastrophenhilfe, berichtet der Präsident des nordamerikanischen Hilfswerks Bright Hope (Strahlende Hoffnung), Craig Dyer (Chicago). Seine Organisation arbeite mit 100 evangelikalen Gemeinden zusammen, die fast alle unversehrt geblieben seien. Allerdings gibt es auch Todesopfer. So ist einer der bekanntesten haitianischen Baptistenpastoren, der 56-jährige Bienne Lamerique (Port-au-Prince), seinen schweren Verletzungen erlegen, die er sich zugezogen hatte, als sein Haus einstürzte.

Compassion-Projekte schwer beschädigt

Die Projekte des internationalen christlichen Hilfswerks Compassion (Colorado Springs/US-Bundesstaat Colorado) in Haiti haben schweren Schaden genommen. Etwa 50 Kinderzentren seien beschädigt, einige Kinder seien tot, andere verletzt. Viele hätten Familienangehörige verloren. Eine haitianische Mitarbeiterin sei getötet worden, berichtet der Informationsdienst Mission Network News (Grand Rapids/US-Bundesstaat Michigan). Compassion hat in Haiti 225 Projekte, in denen 62.900 Kinder durch Patenschaften betreut werden. In Deutschland unterstützen mehr als 100 Paten Kinder in Haiti, so der Direktor des deutschen Zweiges, Stephan Volke (Marburg).

World Vision: Kinder nicht vorschnell adoptieren

Das christlich-humanitäre Hilfswerk World Vision (Monrovia/US-Bundesstaat Kalifornien) legt den Schwerpunkt auf Familienzusammenführung. Mitarbeiter sprechen elternlose Kinder an, identifizieren und registrieren sie und kümmern sich gegebenenfalls um ihre Unterbringung. Das Hilfswerk hat auch ein Betreuungszentrum für derzeit 40 Jungen und Mädchen eingerichtet. Es warnt vor überhasteten Adoptionen im In- und Ausland. Dies berge die Gefahr, dass die Kinder aus ihrem Kulturkreis gerissen und von ihren Familien getrennt würden. Ohnehin mache die extreme Armut Kinder anfällig für Ausbeutung und Missbrauch. Auch die Kindernothilfe (Duisburg) macht darauf aufmerksam, dass Kinder in Katastrophen besonders gefährdet seien.