18. November 2017

Haiti: „Betet für die Lebenden!“

Quelle: idea.de

Gottesdienste nach dem Beben zwischen Ruinen. Foto: PR

Gottesdienste nach dem Beben zwischen Ruinen. Foto: PR

Port-au-Prince (idea) – Die Betroffenen des Erdbebens in Haiti flüchten sich immer mehr ins Gebet. Am ersten Sonntag nach der Naturkatastrophe vom 12. Januar, nach der bis zu 200.000 Tote zu befürchten sind, versammelten sich viele Haitianer zwischen den Ruinen von Kirchen und Gemeindehäusern zu Gottesdiensten und Gebetsversammlungen.
 

„Betet nicht für die Toten, betet für die Lebenden“, forderte Baptistenpastor Joel St. Armour etwa 30 Teilnehmer eines baptistischen Gottesdienstes auf der Straße auf, berichtet die Zeitung Los Angeles Times. Auf rund drei Millionen wird die Zahl der Betroffenen des Bebens der Stärke 7,3 auf der Richterskala geschätzt. Mindestens die Hälfte der Gebäude in der rund eine Million Einwohner zählenden Hauptstadt Port-au-Prince ist zerstört. Noch schwerere Verwüstungen werden aus dem Südwesten des Karibikstaates gemeldet. Die Regierung hat den Ausnahmezustand verhängt. Teilweise kommt es zu Plünderungen. Es handelte sich um das schwerste Erdbeben seit 1770. Haiti hat rund zehn Millionen Einwohner und gilt als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Die Hälfte der Bevölkerung muss mit weniger als einem US-Dollar (etwa 0,7 Euro) pro Tag auskommen.

Lage für Hilfswerke unübersichtlich

Während die Hilfswelle anläuft, ist die Lage für christliche Organisationen noch unübersichtlich. So steht für die Christoffel-Blindenmission (CBM) bisher lediglich fest, dass in ihren sieben Projekten zwei einheimische Mitarbeiter ums Leben gekommen sind. Aus Deutschland seien zwei Experten vor Ort, um die Lage zu erkunden. Es gebe unterschiedliche Berichte, wie stark ein Krankenhaus mit augenärztlicher Abteilung beschädigt sei, teilte Pressereferent Wolfgang Jochum (Bensheim), idea auf Anfrage mit. Menschen mit Behinderungen sind einer solchen Katastrophe besonders ausgeliefert. In den fünf CBM-Projekten in der Hauptstadt betreuen 57 einheimische Mitarbeiter fast 2.000 Menschen mit Behinderungen und pro Jahr etwa 140.000 Patienten in Krankenhäusern.

Kinder irren durch die Stadt

In Port-au-Prince irren Kinder durch die Straßen. Für das christlich-humanitäre Hilfswerk World Vision hat ihre Versorgung Vorrang. Es hat nach der Verteilung von Hilfsgütern an Krankenhäusern mit der Einrichtung von Betreuungszentren begonnen. Dort werden Kinder, die Angehörige verloren haben, medizinisch und psychologisch betreut. World Vision führt auch mehrere Hilfsflüge in das Katastrophengebiet durch. Ein Flug, an dem auch die Hilfswerke Kindernothilfe (Duisburg) und humedica (Kaufbeuren) beteiligt sind, hob am 18. Januar von Düsseldorf in das Nachbarland Haitis, die Dominikanische Republik, ab. humedica hat ein Team aus Ärzten, Pflegern und Koordinatoren nach Haiti entsandt.

Heilsarmee: Kinderheim zerstört

Nach Angaben der Heilsarmee sind in dem Karibikstaat mehrere ihrer Gebäude zerstört, darunter ein Kinderheim. Bis auf ein Kind seien aber alle 52 Jungen und Mädchen in Sicherheit. Die Heilsarmee, die seit 1887 in Haiti tätig ist, organisiert von den USA aus Katastrophenhilfe. So werde 285.000 Mahlzeiten zur Verfügung gestellt. Die Heilsarmee ist in Haiti auch Partner der Kindernothilfe (Duisburg). Neben dem Kinderheim sollen zwei gemeinsam geförderte Schulen von dem Beben betroffen sein. Ersten Berichten zufolge sind Mitarbeiter deutscher Hilfswerke in Haiti nicht zu Schaden gekommen. Das teilte der Leiter des Personalvermittlungsdienstes „Christliche Fachkräfte International“ (CFI), Ulrich Weinhold (Stuttgart), mit. Mehrere ehemalige Haiti-Mitarbeiter von CFI hätten angeboten, in ihr Einsatzland zurückzukehren.

Erschütterungen in den Seelen

Weinhold mahnte, die geistliche Dimension ernst zu nehmen. In dem stark vom Voodoo-Kult geprägten Haiti hätten die Erdstöße auch Erschütterungen in den Seelen hinterlassen. Es überrasche nicht, dass die Menschen laut nach Jesus riefen. Für die Deutsche Missionsgemeinschaft (DMG) sind ein Arzt und ein medizinisches Krisenhilfsteam von Ecuador aus nach Haiti entsandt worden. Außerdem leisten zwei DMG-Missionare über heimische Kirchen Hilfe.

Fortschritte zunichte gemacht

Zahlreiche Kirchenleiter haben zum Gebet und zur Hilfe für Haiti aufgerufen, darunter Papst Benedikt XVI. und die EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischöfin Margot Käßmann (Hannover). Der Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen, Olav Fykse Tveit (Genf), hob hervor, dass die Haitianer ohnehin schon schwere Lasten politischer Instabilität und Armut zu tragen hätten. Der Generalsekretär der Evangelischen Allianz in der Karibik, Bischof Gerald A. Seale (Barbados), erklärte, die sozialen und materiellen Fortschritte, die Haiti zuletzt erlebt habe, seien durch das Erdbeben zunichte gemacht. Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Jürgen Werth (Wetzlar), zeigte sich erschüttert: „Wer immer helfen kann, soll bitte unbedingt helfen! Mit Spenden und Gebeten.“ Etwa 55 Prozent der 10 Millionen Einwohner Haitis sind katholisch, 15 Prozent Baptisten, 8 Prozent Pfingstler, 3 Prozent Adventisten, 1,5 Prozent Methodisten und 0,7 Prozent Anglikaner. Den Rest bilden unter anderen Voodoo-Anhänger.

Pakt mit dem Teufel?

Unterdessen hat der US-Fernsehprediger Pat Robertson (Virginia Beach/Bundesstaat Virginia) Empörung mit seiner Äußerung ausgelöst, dass das Erdbeben Gottes Antwort auf einen Pakt von Haitianern mit dem Teufel zurückzuführen sei. Es sei „absolut arrogant, Gottes Handeln als Gericht über das Verhalten einzelner Menschen zu interpretieren“, sagte der Pastor der Ersten Baptisten-Gemeinde von Dallas (Bundesstaat Texas), Robert Jeffress, dem Sender ABC. Robertson hatte seine Ansicht im Fernsehsender Christian Broadcasting Network (CBN) damit begründet, dass sich die Bevölkerung Haitis Ende des 18. Jahrhunderts dem Teufel verschrieben habe, um von den französischen Kolonialherren befreit zu werden. 2003 hatten Voodoo-Priester Haiti mit Tieropfern erneut dem Teufel geweiht.