21. November 2017

Evangelikale streben stärker in die Öffentlichkeit

Quelle: idea.de

Allianz-Gebetswoche: Teilnehmerrückgang wegen Schnee und Kälte. Foto: idea/Ottmar

Allianz-Gebetswoche: Teilnehmerrückgang wegen Schnee und Kälte. Foto: idea/Ottmar

Stuttgart (idea) – Evangelikale – einst als „die Stillen im Land“ bekannt – streben stärker in die Öffentlichkeit. Während der traditionellen Gebetswoche der Evangelischen Allianz versammelten sich nicht nur in Kirchen und Gemeindehäusern, sondern auch in kommunalen Räumen und auf öffentlichen Plätzen.
 

Nach einer Schätzung der Deutschen Evangelischen Allianz beteiligten sich in Deutschland vom 10. bis 17. Januar rund 300.000 Christen an 1.100 Orten. Das sind etwa 50.000 weniger als im Vorjahr. Schnee und teilweise eisige Kälte hätten vor allem ältere Beter von der Teilnahme abgehalten, hieß es. Die Beteiligung von ausländischen Gemeinden habe zugenommen, etwa in Nürnberg, München und Kandern bei Freiburg. Die Zusammenkünfte standen unter dem Motto „Zeuge sein“. Nach Angaben des Allianz-Generalsekretärs, Hartmut Steeb (Stuttgart), ermutigten die meisten Treffen dazu, den christlichen Glauben in Wort und Tat zu bekennen. Vielfach sei die gesellschaftliche Dimension des Christseins in das Gebet einbezogen worden. Das habe sich auch an der Wahl der Veranstaltungsorte gezeigt. Es habe Spaziergänge durch Städte gegeben, bei denen vor Schulen, Banken und Arbeitsämtern um Gottes Beistand für die Verantwortlichen gebetet wurde. In mehreren Orten hätten Versammlungen in Rathäusern stattgefunden. Man habe zuvor die Kommunalpolitiker gebeten, spezielle Anliegen zu nennen.

Gebet für Erdbebenopfer und Verfolgte

Ein weiterer Schwerpunkt sei das Gebet für die Betroffenen des Erdbebens in Haiti und für verfolgte Christen gewesen, etwa in Ägypten und anderen islamisch geprägten Ländern. Hilfsorganisationen bekamen einen Teil der Kollekten. An allen Tagen wurde laut Steeb an die Selbstverpflichtung der Vereinten Nationen erinnert, die extreme Armut in der Welt bis zum Jahr 2015 zu halbieren, sowie an die seit Juni im Jemen verschleppte christliche Familie Hentschel. Die Nachrichtenlage habe der Gebetswoche eine besondere Brisanz und Relevanz gegeben, sagte der Allianzvorsitzende und Vorstandsvorsitzende von ERF-Medien (Evangeliums-Rundfunk), Jürgen Werth (Wetzlar), gegenüber idea. Dadurch sei nicht nur der Horizont der Beter geweitet worden. Mehr als in früheren Jahren hätten die Medien die Gebetswoche wahrgenommen.

Kirchenpräsident: Gebet ist kein frommes Selbstgespräch

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig (Dessau), sprach beim Abschlussgottesdienst in Dessau. Wie er sagte, entstehe eine lebendige Kirche nicht durch Gemeindeaufbaukonzepte, sondern durch Gemeindemitglieder mit einer lebendigen Gottesbeziehung. Wer das Gebet für ein frommes Selbstgespräch halte, habe keine Gebetserfahrung. In der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche überbrachte der Ökumene-Beauftragte des katholischen Erzbistums Berlin, Matthias Fenski, die Grüße der Ökumene. Der Generalsekretär der Arbeitgemeinschaft Missionarische Dienste in der EKD, Oberkirchenrat Erhard Berneburg, der auch Mitglied des Hauptvorstands der Deutschen Evangelischen Allianz ist, rief zum Beten über konfessionelle Grenzen hinweg auf. Das Zusammengehörigkeitsgefühl erleichtere es den Christen in der Bundeshauptstadt, mutig Zeuge zu sein. In Hamburg appellierte Pastor Thies Hagge an die rund 830 Besucher der Schlussveranstaltung, ihre Gemeinden stärker für Hilfsbedürftige zu öffnen. Auch Menschen, „die stinken oder aufgrund ihrer inneren Kaputtheit sogar manchmal den Gottesdienst stören“, sollten erfahren, dass Gott sie liebt. In München mahnte der Evangelist Roland Werner (Marburg), dass zum Christsein auch soziales Engagement gehöre. Viele Menschen lehnten die Predigt ab, akzeptierten aber das Tatzeugnis von Christen.

Gebet mit Lokalpolitikern

Beim „Stadtgebet“ in Bonn forderte der Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht, Martin Lohmann, Vertreter von Gesundheitswesen, aus Politik, Wirtschaft und Kirchen auf, nicht mehr vom werdenden, sondern vom „wachsenden Kind“ zu sprechen. Ein Kind „wird ja nicht“; vielmehr sei es „schon da“ und wachse im Leib seiner Mutter heran. Auch in Krefeld folgten Lokalpolitiker der Einladung zum gemeinsamen Gebet. Bei einer abendlichen Gebetswanderung durch Sulingen in der Nähe von Bremen informierte Bürgermeister Harald Knoop über Vorhaben der Stadt wie Freibadsanierung und Schul-Mensa. Zugleich mahnte er, über den alltäglichen Sorgen nicht den Dank an Gott zu vergessen: Frieden und Freiheit seien nicht selbstverständlich.

Lob von Bischöfinnen

Gegenüber idea würdigten die EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischöfin Margot Käßmann (Hannover), und die Präsidentin der Vereinigung Evangelischer Freikirchen, die evangelisch-methodistische Bischöfin Rosemarie Wenner (Frankfurt am Main), die Gebetswoche. Sie sei ein wichtiger Beitrag für ein gemeinsames Glaubenszeugnis der Christen. Käßmann dankte der Allianz, „auch in diesem Jahr wieder viele Christinnen und Christen bewegt zu haben, ihre Sorgen und Nöte, ihre Hoffnungen und ihren Dank im Gebet vor Gott zu bringen“. Gebet verändere die Dinge. Frau Wenner schrieb, die Gebetswoche verbinde Christen aus unterschiedlichen Kirchen in dem, was sie auf jeden Fall miteinander tun können, nämlich „die Welt vor Gott bringen“. Dieser Dienst solle das ganze Jahr über andauern. Der Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbands (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften), Pfarrer Michael Diener (Kassel), bezeichnete die acht Gebetstage als „Gottes Gesundheitswoche für seine Leute“: „Wer miteinander und füreinander dankt und bittet, sieht und begegnet sich neu und anders.“

Österreich: Diesmal keine Großveranstaltung

In Österreich beteiligten sich etwa 4.000 Christen an der Gebetswoche. Dies sei ein leichter Rückgang gegenüber dem vergangenen Jahr, als ein Auftakttreffen in Graz rund 800 Besucher anzog, teilte Generalsekretär Christoph Grötzinger (Bürmoos bei Salzburg) idea mit. Aus finanziellen Gründen habe diese Großveranstaltung diesmal ausfallen müssen. Bei allen Versammlungen sei das Gebet als wichtigste Möglichkeit herausgestellt worden, gesellschaftliche Mitverantwortung zu übernehmen. Aus der Schweiz, wo rund 15.500 Gebetsbroschüren bestellt wurden, liegt noch keine Übersicht vor. Es habe sowohl kleine Zusammenkünfte mit sechs Betern bei Frühstückstreffen als auch Großveranstaltungen mit bis zu 1.000 Teilnehmern gegeben, teilte der Generalsekretär der Schweizerischen Allianz, Hansjörg Leutwyler (Zürich), idea mit.