19. September 2017

Evangelikale und Charismatiker haben sich weltweit angenähert

Quelle: idea.de

Tübingen (idea) – Die Annäherung von Evangelikalen und pfingstkirchlich-charismatischen Gruppen ist weltweit wesentlich weiter fortgeschritten, als es in Deutschland wahrgenommen wird.
 

Das beobachtet der Vorsitzende des Arbeitskreises für evangelikale Theologie und Leiter der Forschungsgemeinschaft des Albrecht-Bengel-Hauses, Pfarrer Rolf Hille (Tübingen). Die Lausanner Kongresse für Weltmission zeigten, wie sehr die beiden theologisch konservativen Glaubensbewegungen aufeinander zugingen, schreibt Hille im Journal „Evangelikale Theologie“. Während „Lausanne I“ 1974 im schweizerischen Lausanne ohne erkennbare charismatische Beteiligung stattgefunden habe, sei diese Bewegung in den zweiten Kongress 1989 in Manila (Philippinen) bewusst einbezogen worden. Hille erwartet, dass bei „Lausanne III“ vom 16. bis 25. Oktober 2010 im südafrikanischen Kapstadt die weitgehende Integration von Pfingstlern und Charismatikern in die evangelikale Bewegung sichtbar werde. „Es hat mittlerweile eine wechselseitige Durchdringung stattgefunden, so dass die aktive Beteiligung der Charismatiker als geradezu selbstverständlich erscheint“, so Hille, der auch Sprecher der Weltweiten Evangelischen Allianz für ökumenische Angelegenheiten ist. Die Weltweite Allianz repräsentiert rund 420 Millionen Evangelikale in 128 Ländern. Mit rund 229 Millionen Anhängern bildet die pfingstkirchlich-charismatische Bewegung die weltweit größte protestantische Denomination.

Geistlich und theologisch ernsthafte Probleme

Laut Hille haben deutsche Evangelikale häufig erhebliche Vorbehalte gegen eine Zusammenarbeit mit Pfingstkirchen und Charismatikern. Zu einer Annäherung habe vor allem die „Kasseler Erklärung“ von 1996 zwischen der Deutschen Evangelischen Allianz und dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden geführt. Darin bejahten beide Seiten die umstrittenen Charismen (Gnadengaben) wie Glossolalie (Zungenreden), Prophetie und Krankenheilung. Einige Phänomene in der charismatischen Bewegung bereiteten Evangelikalen weiter geistlich und theologisch ernsthafte Probleme, etwa das „Ruhen im Geist“ (plötzliches Umfallen), das „Lachen im Geist“ (unmotivierte emotionale Äußerungen) oder das Austreiben territorialer Geister. Zur „Tragik der charismatischen Bewegung“ gehörten auch deren „enthusiastische Erwartungen, Jesu einmalige Vollmacht fortschreiben zu können“. Dies führe dazu, dass mitunter Kranken die Schuld gegeben werde, wenn sie trotz Heilungsgebeten nicht gesund würden; sie glaubten nicht richtig, heiße es dann. Hille zufolge muss bei jeder Bitte um Krankenheilung deutlich gemacht werden, „dass Gott auch in Zeiten der Krankheit segnen und sich verherrlichen kann“.

Einander mit unterschiedlichen Gaben dienen

Hille, von 1993 bis 2000 ehrenamtlicher Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz, appelliert an Evangelikale und Charismatiker, einander mit ihren jeweiligen Gaben zu dienen. Evangelikale brauchten die in vielen charismatischen Gruppen spürbare Freude zum missionarischen Zeugnis und Aufbruch. Umgekehrt bedürften die Pfingstkirchen der biblischen Lehre und heilsgeschichtlichen Vertiefung. Sonst bestehe die Gefahr, dass geistliche Aufbrüche oberflächlich würden, sich von einem Wohlstandsevangelium verführen ließen und in Zeiten der Krise nicht durchhielten.