20. Oktober 2017

Wenn Jesus nicht mehr Christus ist

Quelle: idea.de

Wie ein „evangelischer“ Glaubenskurs das Christentum an den Islam anpassen will
K O M M E N T A R von Pfarrer Eberhard Troeger

Es ist zu begrüßen, dass zwei namhafte evangelische Institutionen den Versuch unternommen
haben, den christlichen Glauben angesichts der islamischen Herausforderung zu formulieren,
wie in dem soeben erschienenen Glaubenskurs „Christsein angesichts des Islam“,
herausgegeben vom Evangelischen Missionswerk in Deutschland (EMW) und dem Comenius-
Institut, der „Evangelischen Arbeitsstätte für Erziehungswissenschaft“. Allerdings hat das Buch nicht – wie man von einem Missionswerk erwarten könnte – die Absicht, Christen zu einem besseren Glaubenszeugnis im Gespräch mit Muslimen zu verhelfen, sondern „einen
konstruktiven Dialog auf der Ebene der Gemeindearbeit zu ermöglichen“ (Peter Schneider in
seinem Geleitwort für das Comenius-Institut). In dem Kurs werden Gemeinden und Christen
„darin begleitet, die Fragen nach dem eigenen Glauben und seiner Bedeutung im Miteinander
mit Muslimen neu zu beantworten“ (Verena Grüter, Hamburg, und Bernd Neuser, Witten, in
ihrer Einführung). Dabei legen sie „zeitgemäßes Wissen über den christlichen Glauben“
zugrunde, d. h. eine Darstellung, die auf (durchaus umstrittenen) Thesen zeitgenössischer
historisch-kritischer Theologie beruht.

Kritik an kirchlicher Lehre

Die zwölf Autoren sind evangelische Theologen, die überwiegend aus dem Rheinland und aus
Westfalen stammen und Dialogerfahrung im In- und Ausland haben. Sie entfalten ihren
Dialogansatz in neun Themenbereichen: Gebäude, Gebet, Gott, Jesus, Hoffnung, Frieden,
Wirtschaft, Geschlechterrollen und Dialog-Praxis. Dabei folgen sie der Methode, jeden
Themenbereich mit einer Problemanzeige oder einem Erfahrungsbericht einzuleiten, eine
theologische Reflexion („Vergewisserung“) des biblischen Glaubens folgen zu lassen,
islamische Positionen zum Thema zu beschreiben und daraus schließlich Folgerungen für die
Dialog-Praxis und das Zusammenleben zu ziehen. Es fällt auf, dass die Darstellung des
christlichen Glaubens sich bewusst kritisch von der kirchlichen Lehre absetzt, während beim
Islam die traditionellen Positionen relativ unkritisch und geschönt dargestellt werden. Auffällig ist auch, dass durchgängig die Fragen von Muslimen an Christen thematisiert werden, während
von christlichen Anfragen an Muslime kaum die Rede ist. Ich habe den Eindruck, dass hier das
Christentum in einem kritischen Prozess an einen traditionellen Islam angepasst werden soll,
um möglichst viele Hindernisse für Dialog und friedliches Zusammenleben aus dem Weg zu
räumen. Die nach jedem Kapitel angegebenen Literaturangaben sprechen für sich!

Sympathie für gemeinsame Gebete

Die Autoren gehen teilweise behutsam vor und stellen verschiedene Ansichten zur Diskussion.
Von „Vergewisserung“ kann dabei allerdings kaum die Rede sein. Der Leser ist eher verwirrt.
Christentum und Islam erscheinen durchgängig als unterschiedliche „religiöse Traditionen“, die
auf ihre Bedeutsamkeit für das praktische Leben von Christen und Muslimen befragt werden.
Kein Wunder, dass die Verfasser ein gemeinsames Beten von Christen und Muslimen doch
sehr sympathisch finden. Der Grund liegt in einer abgeflachten Lehre von der Dreieinigkeit
Gottes (Christen denken „das Wirken des Geistes in der Gegenwart, den Weg Jesu Christi und
den Gott Israels und Schöpfer der Welt zusammen.“ .
idea e.V. Evangelische Nachrichtenagentur Pressedienst vom 23. November 2009 Nr. 327

Noch bedenklicher ist die dargebotene Lehre von Jesus Christus. Die Verfasser gehen davon
aus, dass Jesus sich nicht als Messias bekannt hat und der Messias-Glaube erst nach Ostern
entstanden ist. Das Bekenntnis zu Jesus als „Sohn des lebendigen Gottes“ und zu seiner
„Wesensverwandtschaft Jesu mit Gott“ sei Gemeindeglaube. Deshalb bleibt Jesus nur noch
„Leitbild“. „Erlösung [ist] ein dynamischer Prozess, ein Mitgenommenwerden auf und ein
Eintauchen in den Weg Jesu.“ Dementsprechend „gründen Christinnen und Christen ihre
Hoffnung“ im Gericht darauf, dass sie nicht durch die eigenen Werke, sondern „durch die Liebe, die Gott durch Leben und Werk Jesu Christi erwiesen hat“, gerechtfertigt werden. Sein
Sühnopfer spielt dabei keine Rolle; denn, indem Christen vom Kreuz Jesu reden, bekennen sie,
„dass Gott selbst im tiefsten Leid und Tod nicht vom Menschen weicht“. – Damit wird aber das biblische „Wort vom Kreuz“ seines Zentrums beraubt.

Wo sich Wahrheit „ereignet“

Die Frage nach der Wahrheit wird bewusst ausgeklammert. Mein Eindruck ist, dass die
Meinung, „dass es nicht nur einen einzigen Zugang zur Wahrheit gibt“ (V. Grüter und B. Neuser in der Einführung), von den Verfassern nicht nur auf verschiedene innerchristliche
Interpretationen, sondern auch auf Christentum und Islam insgesamt bezogen werden. Dahinter steht wohl der Ansatz, dass sich unterschiedliche Religionen nur durch ein unterschiedliches Gottesverständnis unterscheiden und Wahrheit sich in Begegnung und Dialog „ereignet“. Es wird zwar an einigen Stellen gesagt wird, dass Christen auf manche Bekenntnisaussagen (z.B. dass Jesus tatsächlich gekreuzigt wurde) nicht verzichten können, aber eine biblische Botschaft an Muslime wird nicht formuliert. Ich habe den Eindruck, dass der Kurs gegenüber den kritischen Anfragen aus dem Islam die christliche Botschaft so weit wie möglich „zurücknimmt“. Da hilft es auch nicht zu betonen, dass Christen ihren (gestutzten) Glauben Muslimen bezeugen sollen. Die herkömmliche christliche Mission wird karikiert und abgelehnt bzw. durch einen auf friedliches Zusammenleben („Konvivenz“) zielenden Dialog ersetzt.

(Der Autor, Pfarrer Eberhard Troeger (Wiehl/Bergisches Land), ist einer der führenden
evangelischen Islam-Experten.)