21. Oktober 2017

Sächsischer Bischof: Herbst 1989 war keine „Wende“

Quelle: idea.de

Der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Jochen Bohl.

Der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Jochen Bohl.

Dresden (idea) – Die Ereignisse des Herbstes 1989 in der DDR waren keine „Wende“, sondern ein „friedliche Revolution“. Das hat der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Jochen Bohl (Dresden), in seinem Bericht vor der Synode am 15. November in Dresden betont.
 

Der Begriff „Wende“ bezeichne ursprünglich den Versuch der SED, die Deutungshoheit über das Geschehen nicht zu verlieren. „Sie wollten die Politik der Staatspartei unter dem großen Druck der Demonstrationen anpassen, ohne die Macht aus den Händen zu geben“, erklärte Bohl. Die Bezeichnung „friedliche Revolution“ hingegen sei historisch korrekt und treffe den Kern. Gleiches gelte für die Formulierung „protestantische Revolution“, denn sei zu einem guten Teil von Protestanten gemacht worden. Zumindest in Sachsen sei „eine atheistische Führungsschicht von einer christlich geprägten ersetzt“ worden.

20. Jahrhundert hat Kirche am nachhaltigsten verändert

Mit Blick auf die Landeskirche erklärte Bohl, dass sie das 20. Jahrhundert stärker verändert habe als irgendeine andere Zeit seit der Reformation. Hätten bis 1918 gleichsam alle Bürger Sachsens zur Kirche gehört, waren es 1933 nur noch 87 Prozent und 1949 noch 81 Prozent. In der jungen DDR habe dann ein regelrechter Auszug eingesetzt. Spätestens nach 1969 sei es zu massiven Austrittsbewegungen gekommen. „Man wird sagen müssen, dass der sozialistische Staat die ihm gegen die Kirche zur Verfügung stehenden Machtmittel mit größerer Entschlossenheit einsetzte als die Nazis dies zuvor getan hatten“, so Bohl. Gegen Ende der DDR habe noch etwa ein Drittel der Bevölkerung zur Kirche gehört. Gegenwärtig seien etwa 21 Prozent der Sachsen Mitglied der Landeskirche. „Damit sind wir nach wie vor die größte organisierte Bevölkerungsgruppe“, so Bohl. Allerdings könne das nicht den Schmerz heilen, dass innerhalb von drei Generationen vier Fünftel der Gemeindeglieder verloren gegangen seien.

Mission ist größte Herausforderung

Die größte Herausforderung für die Landeskirche sei daher nach wie vor die missionarische. Es sei gut, wenn in Kirchenchören auch Nichtchristen sängen, dass am Religionsunterricht Ungetaufte teilnähmen und sich Kindergärten in Trägerschaft von Kirche und Diakonie befänden. Dringenden Handlungsbedarf sehe er bei der Fähigkeit, über den eigenen Glauben zu sprechen, so Bohl. An Möglichkeiten, mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen, mangele es nicht. Allerdings falle das vielen Christen nicht leicht. Bohl: „Den Anfang müssen wir bei uns machen.“