19. November 2017

Kirchenaustritte steigen drastisch

Quelle: idea.de

Mehr als 290.000 Bürger verließen 2008 die beiden großen Kirchen. Foto: Pixelio/Zwatschi

Mehr als 290.000 Bürger verließen 2008 die beiden großen Kirchen. Foto: Pixelio/Zwatschi

Stuttgart (idea) – Die Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland ist im vergangenen Jahr drastisch gestiegen. Den beiden großen Kirchen kehrten zusammen 290.056 Bürger den Rücken. Das waren 29,5 Prozent mehr als 2007.
 

Aus den 22 evangelischen Landeskirchen traten im vergangenen Jahr 168.901 Personen aus, was einem Zuwachs von 29,6 Prozent entspricht. Das ergab eine Umfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Bei der katholischen Kirche erhöhten sich die Austritte um 29,3 Prozent auf 121.155. Besonders hoch sind die Anstiege auf evangelischer Seite vor allem im Westen Deutschlands. Die prozentual größten Steigerungen verzeichneten die Landeskirchen Pfalz (41,2 Prozent) und Anhalt (40,4 Prozent). Dahinter folgen die Landeskirchen Oldenburg (36,9 Prozent), Württemberg (34,9 Prozent), Westfalen (34,4 Prozent) und Rheinland (32,6 Prozent). Über dem Durchschnitt lag auch die größte Landeskirche, die hannoversche, mit einem Plus von 29,6 Prozent. Unterdurchschnittliche Zuwächse bei den Austritten gab es unter anderen in der sächsischen Landeskirche (23,5 Prozent), der reformierten Kirche (21 Prozent), der bremischen Kirche (17,4 Prozent) und in Schaumburg-Lippe (10,9 Prozent).

Wirtschaftskrise fördert Kirchenaustritte

Nach Ansicht des Religionssoziologen Prof. Detlef Pollack (Münster) hängt der Mitgliederschwund der Kirchen unter anderem mit der Wirtschaftskrise zusammen. „Die Ersparnis der Kirchensteuer ist ein wesentliches Motiv für Kirchenaustritte, wie viele Befragungen zeigen“, fand der Wissenschaftler bei einer langfristigen Studie heraus. Die Austrittsraten stiegen immer dann an, wenn die Finanzbelastung wachse. Das lasse sich für die vergangenen 50 Jahre nachweisen, etwa beim Solidaritätszuschlag 1992 oder beim Konjunkturzuschlag Anfang der siebziger Jahre. Die Austritte hätten auch mit einer sinkenden Religiosität zu tun: „Menschen, die austreten, haben zumeist die Beziehung zu Glauben und Kirche verloren. Die Wirtschaftslage ist dann der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“ Dabei seien es laut Statistik vor allem Besserverdiener, Städter und Männer, die der Kirche den Rücken kehrten. „Für sie lohnt sich der Austritt finanziell am meisten. Die Bindung zur Kirche bleibt jedoch oft über die schlechter verdienende Frau bestehen. Dies erlaubt es, die Kinder dann dennoch taufen zu lassen“, so Pollack.