25. April 2018

Pietisten-Präses kritisiert Zurückhaltung der EKD

Quelle: idea.de

Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, Pfarrer Christoph Morgner (Kassel)

Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, Pfarrer Christoph Morgner (Kassel)

Kassel (idea) – Kritik an der Zurückhaltung der EKD zu Medienangriffen auf Evangelikale hat der oberste Repräsentant des innerkirchlichen Pietismus geäußert. In einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea zeigte sich der Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, Pfarrer Christoph Morgner (Kassel), „sehr enttäuscht, dass die EKD bisher nicht dem ZDF widersprochen hat, wo im Magazin ‚Frontal 21’ evangelikale Entwicklungshelfer auf eine Stufe mit islamischen Selbstmordattentätern gestellt worden sind“.

In diesem Fall müsse die EKD „vehement protestieren“. Sie dürfe nicht mit zweierlei Maß messen: „auf der einen Seite die mutigen Männer im Dritten Reich wie Paul Schneider und Dietrich Bonhoeffer loben und auf der anderen Menschen nicht verteidigen, die aus christlichen Motiven in die Dritte Welt gehen, um den Ärmsten der Armen zu helfen“. Evangelikale hätten „weltweit keine Terrorcamps, sondern Stützpunkte der Liebe“. Das sollte die Kirche den Medien entgegenhalten, so der Präses der pietistischen Dachorganisation, die rund 300.000 Christen repräsentiert. In der „Frontal 21“-Sendung vom 4. August hatte es geheißen: „Bereit sein, für Gott zu sterben: Das klingt vertraut – bei islamischen Fundamentalisten. Doch auch für radikale Christen scheint das zu gelten.“ Es gebe eine „lange unheilige Tradition“, für Gott als Märtyrer zu sterben. Anlass für den Beitrag war die Entführung und Ermordung von zwei Krankenschwestern und Studentinnen der Bibelschule Brake Mitte Juni im Jemen, die dort ein Krankenhaus-Praktikum absolviert hatten. Auch eine südkoreanische Lehrerin war erschossen aufgefunden worden. Von einer fünfköpfigen Familie aus Sachsen und einem britischen Ingenieur fehlt noch jede Spur. Scharfe Kritik an dem „Frontal 21“-Beitrag übten bisher lediglich Kirchenvertreter aus Sachsen: Landesbischof Jochen Bohl (Dresden) und die frühere Präsidentin der Landessynode, EKD-Ratsmitglied Gudrun Lindner (Weißbach/Erzgebirge).

Eltern der Mordopfer nehmen Stellung

Knapp elf Wochen nach dem Mord an den beiden deutschen Bibelschülerinnen Rita Stumpp und Anita Grünwald im Jemen haben sich die Eltern der beiden jungen Frauen zu Wort gemeldet. Auf der Seite www.anitaundrita.de wenden sich Ritas Eltern „an alle, die die Wahrheit mehr lieben als erfundene Schlagzeilen“. Alle negativen Berichte der Presse seien „im Altpapier gelandet“, heißt es auf der Seite. Das, was die beiden jungen Frauen in ihrem kurzen Leben bewirkt hätten, bleibe in den Herzen und Gedanken vieler Menschen. „Dass brutale, feige Mörder unsere lieben Kinder aus dem Leben rissen, ist ein Verlust, den man nie ersetzen kann. Aber die Spur, die sie hinterlassen haben, bleibt“, schreiben die Eltern von Rita. Sie äußern sich auch kritisch zu dem „Frontal 21“-Beitrag, in dem es geheißen hatte, dass sich manche jungen Christen wegen ihrer missionarischen Haltung in Gefahr begeben und ihr „Missions-Abenteuer“ mit dem Leben bezahlten. Sie fragen, ob „Frontal 21“ genauso über Urlauber auf Mallorca berichten würden, die durch Bombenanschläge von ETA-Terroristen gefährdet seien. In Abwandlung des ZDF-Slogans „Mit dem Zweiten sieht man besser“ schreiben die Eltern: „Man kann mit dem Zweiten auch blind sein.“

Familie empfindet „keinen Hass“

Anitas Familie erinnert daran, dass beide Mädchen stets für andere hätten da sein wollen. Vorwürfen, die beiden hätten im Jemen sowieso nichts ausrichten können, da sie die Sprache nicht beherrschten und planten, nur für wenige Monate dort zu bleiben, tritt die Familie entgegen: „Für Anita und Rita ging es nie um Masse. Der einzelne Mensch war ihnen unendlich wertvoll.“ Die Arbeit unter den ärmsten Menschen habe sie erfüllt. Wie es weiter heißt, haben den Angehörigen der beiden die Reaktionen auf den Mord aus dem Jemen geholfen. Es sei deutlich geworden, „dass die Bevölkerung nicht hinter dieser Tat stand“. Die Familie empfinde deswegen auch „keinen Hass und Groll gegen die Menschen aus Jemen“.