21. September 2017

Viele Christen halten Sozialismus noch immer für eine Alternative

Quelle: idea.de

Gauck: Menschen in der DDR waren „Insassen einer Anstalt“

Der ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Pfarrer Joachim Gauck

Der ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Pfarrer Joachim Gauck

Berlin (idea) – Viele Christen hängen immer noch der falschen Vorstellung an, dass der Sozialismus eine antikapitalistische Alternative sei. Diesen Eindruck hat der ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Pfarrer Joachim Gauck (Berlin).
 
Besonders Intellektuelle vergäßen, dass die DDR eine Gesellschaft mit Angst machenden Faktoren gewesen sei, sagte er auf dem Bundeskongress für Notfallseelsorge und Krisenintervention, der vom 11. bis 13. Mai in Berlin stattfindet. Wer die freie Gesellschaft der Bundesrepublik eine „Ellbogengesellschaft“ nenne, übersehe häufig, dass man in der DDR vor den Herrschenden auf die Knie gegangen sei. Die vorherrschende Angst und Ohnmacht gegenüber dem Staat hätten viele für normal gehalten. In der DDR hätten freie Wahlen ebenso gefehlt wie Bürger- und Menschenrechte und die Unabhängigkeit des Rechts. So habe es weder ein Verfassungsgericht noch Verwaltungsgerichte gegeben, um gegen staatliche Entscheidungen klagen zu können. Gauck zufolge waren die Menschen in der DDR keine Bürger, da sie keine Bürgerrechte hatten. Zutreffender sei es, von „Insassen einer Anstalt“ zu reden. Gauck erinnerte daran, dass alle nennenswerten Positionen in der DDR von SED-Mitgliedern besetzt worden seien. So sei jeder Schuldirektor SED-Mitglied gewesen. Zum DDR-Alltag hätten wöchentliche Fahnenappelle an den Schulen gehört sowie Kadergespräche, in denen man zur Mitgliedschaft in der SED verpflichtet werden sollte. Wie im Feudalismus habe der Staat Macht und Ohmacht auf die Menschen verteilt. Dies habe Spuren in den Seelen der Menschen hinterlassen und zu einem allumfassenden Gefühl der Abhängigkeit von der Staatsmacht geführt. Für die friedliche Revolution von 1989 und die Aussage „Wir sind das Volk“ könnten die Ostdeutschen Freude, Dankbarkeit und Stolz empfinden, so Gauck.