21. Oktober 2017

„Chemnitz grüßt den Rest Europas“

BERICHT von Matthias Pankau (idea)

Bis zum 5. April wird ProChrist täglich an 1.300 Orte übertragen
Am 29. März war es soweit: Die Evangelisation ProChrist wurde in Chemnitz eröffnet. Eine Woche lang wird das 90-minütige Programm jeden Abend per Satellit an rund 1.300 Orte in ganz Europa übertragen. Zum Eröffnungsabend kamen allein in die Chemnitz-Arena 6.400 Menschen.

Matthias Pankau

„Das ist ja ganz schön voll hier.“ Die grauhaarige Dame mit dem gütigen Gesicht wirkt etwas aufgeregt. Sie ist schätzungsweise Mitte 70 und hat sich für diesen Abend fein zurechtgemacht – grauer Rock, weißes Hemd, die Haare hochgesteckt. Gemeinsam mit ihren Begleitern – einem jüngeren Ehepaar – hat sie in der siebten Reihe Platz genommen. Das Ehepaar scheint die Dame eingeladen zu haben. Denn sie erzählt ihnen, dass sie zum letzten Mal als junge Frau in der Kirche gewesen sei. Ungläubig verfolgt sie, wie die Menschenmassen durch die zahlreichen Eingänge in die große Halle strömen: „Und die wollen alle etwas von Jesus hören?“, fragt sie ihre Begleiter. Die nicken.

13 Kilometer Kabel
In Wirklichkeit sind es noch viel mehr, die an diesem und den nächsten Abenden etwas von Jesus hören möchten. An 1.300 Orte in ganz Europa wird ProChrist in dieser Woche übertragen. Dank einer Kooperation mit dem ERF kann die Evangelisation in diesem Jahr erstmals auch im Fernsehen verfolgt werden (ERF eins). Damit da aber alles klappt, bedarf es intensiver Vorbereitungen und zahlreicher Proben. Viele der Verantwortlichen – unter ihnen 67 Techniker und eine 48-köpfige Auf- und Abbaucrew – sind schon Tage vorher angereist. Sie haben unter anderem 13.000 Meter (13 Kilometer!) Kabel verlegt, 58 Lautsprecher im Saal und 70 auf der Bühne installiert und 500 Quadratmeter Teppich, sowie 1.430 Quadratmeter Stoff verlegt. Den Aufwand kann man nur noch erahnen. Jetzt ist alles dort, wo es hingehört.
Die so genannte „Durchlaufprobe“ – also die letzte Probe vor dem Abendprogramm – beginnt Punkt 17 Uhr. Es geht vor allem um Details: Wo steht der Moderator, damit es zwischen seinem Mikrofon und den großen Lautsprechern nicht zu einer Rückkopplung kommt? In welche Richtung treten die Gäste nach ihren Auftritten ab? Wie müssen die Scheinwerfer eingestellt sein, damit man die Gesichter der Akteure auf den Leinwänden auch erkennen kann? Es geht professionell zu, aber nicht bierernst. Da der Vorsitzende der CDU-Fraktion im sächsischen Landtag, Steffen Flath, noch nicht da ist, mimt der Vorstandssprecher des Christlichen Jugenddorfwerkes (cjd), Hartmut Hühnerbein, den Politiker und plaudert ein wenig mit Moderator Jürgen Werth. Hauptredner Ulrich Parzany versucht sich zu merken, in welchem der 50.000 zu einem Kreuz geformten Miniatur-Containern der Hoffnung der Zettel mit Gebetsanliegen von Menschen aus Chemnitz ist; die restlichen 49.999 sind leer. „Dass mir die keiner vertauscht“, flachst er.

Wie in einer Markthalle
Draußen vor der Halle füllen sich inzwischen die Parkplätze. Anders als noch bei der Generalprobe im Januar bleibt der Megastau diesmal aus. Die Ampeln sind so geschaltet, dass ein zügiges Einparken möglich ist. Vieleehrenamtliche Helfer tragen das Ihre dazu bei. Direkt vor der Halle sind zwei große Zelte aufgebaut, in denen sich zahlreiche christliche Organisationen und Werke präsentieren. Wer wollte sich diese Möglichkeit entgehen lassen. Schließlich müssen alle Besucher der Abendveranstaltung hier durch. In den Zelten geht es zu wie in einer großen Markthalle. Hier ein Plausch, da ein Schwätzchen. Pünktlich um 18.45 Uhr werden die Schotten zur Halle geöffnet. Die Massen drängen sich regelrecht in die Halle, so dass die Ordner alle Hände voll zu tun haben. Die ältere Dame mit dem gütigen Gesicht ist zusammen mit ihren Begleitern unter den ersten. Anders als in vielen Kirchen sind nicht die letzten Bänke besonders gefragt, sondern die vorderen. Am begehrtesten aber scheinen die Ränge zu sein. Zahlreiche Gruppen haben eine Art „Vorhut“ eingerichtet – jemanden, der mit Jacken, Rucksäcken oder einem langen Schal gleich mehrere Plätze besetzt.

Was ist ein „Nischl“?
Als um Punkt 19:30 Uhr das ProChrist-Orchester unter Leitung von Egil Fossum zu spielen beginnt, ist die Halle bis auf den letzten Platz gefüllt – 6.400 Menschen. Die Stimmung in der Chemnitz-Arena ist von Anfang an glänzend. Besonders spürbar wird das immer dann, wenn die Stadt Chemnitz oder der Freistaat Sachsen in irgendeiner Weise gelobt werden. So jubelt das Publikum, als Moderator Jürgen Werth die Live-Übertragung mit den Worten beginnt: „Chemnitz grüßt den Rest Europas.“ Ähnlich ist es, als zuvor CDU-Fraktionschef Steffen Flath verrät, er habe zunächst gezweifelt, ob Chemnitz an die Zahlen der letzten ProChrist Veranstaltung 2006 in München anknüpfen könne. Doch die Rekordteilnahme beim Probegottesdienst im Januar wie auch bei der Veranstaltung „ProChrist für Kids“ am 28. März bewiesen, „dass in Sachsen vieles möglich ist“ und sich der Freistaat nicht zu verstecken brauche. Riesenapplaus, zustimmende Freudenpfiffe. Die Begeisterung in der Halle kennt kein Halten. Ähnlich ist es, als Ulrich Parzany kurz darauf sein „europäisches Bildungsprogramm“ startet und den Zuschauern in ganz Deutschland und Europa erklärt, was ein „Nischl“ ist – nämlich der sächsische Ausdruck für „Kopf“.

„Nichts ist mehr wie vorher“
Ruhig wird es, als mit einem Video-Einspiel Beate Schmitt vorgestellt wird. Die vierfache Mutter verlor aufgrund eines ärztlichen Kunstfehlers ein Bein. Bei einem Routineeingriff wegen Krampfadern entfernte die Ärztin statt der Venen die Arterien. Vier Tage lang schwebte die junge Frau in Lebensgefahr. Schließlich konnte ihr Leben gerettet werden. Ihr Bein nicht. Als man sie auf dem Videoschirm im Schwimmbad mit einem Bein aus dem Becken steigen sieht, geht ein erschrockenes Raunen durch die Halle. Im anschließenden Gespräch mit Jürgen Werth bekennt Beate Schmitt, dass die Amputation ihr Leben stark verändert habe. Zwar habe sie der Ärztin vergeben. Dennoch sei nichts mehr wie vorher. Sie habe Schmerzen in der Hüfte und Probleme mit dem Knie, weshalb sie jetzt regelmäßig Sport machen müsse. Ihre Offenheit beeindruckt. Existenziell geht es auch weiter. In seiner Predigt zum Thema „Gewagt: Wem kann ich noch glauben?“ benennt Ulrich Parzany das Dilemma, in dem jeder Mensch lebt – nämlich die Diskrepanz zwischen Vertrauen und Misstrauen. Kein Mensch könne ohne Vertrauen leben: „Sie können in keinen Bus steigen, wenn Sie dem Busfahrer nicht vertrauen und Sie können nirgendwo essen, wenn Sie kein Vertrauen zum Koch haben.“ Auf der anderen Seite gebe es genügend Gründe, um misstrauisch zu sein, wie das Schicksal von Beate Schmitt zeige oder auch die Wirtschafts- und Finanzkrise.
Ulrich Parzany geht zu dem auf dem Boden liegenden Kreuz aus 50.000 Miniatur-Containern und nimmt den einen, in den er vor der Probe Zettel mit Original-Gebetsanliegen gesteckt hat. Einige liest er vor. Sie reichen von Sätzen wie „Ich werde oft geschlagen“ über Erfahrungen von Krankheit oder sexuellem Missbrauch bis hin zu existenziellen Sorgen von Kindern wie „Meine Zahnspange tut weh“ und „Mathe versteh ich nicht“. ProChrist wolle Menschen dazu ermutigen, mit ihren Ängsten und Sorgen zu Jesus zu kommen und ihm zu vertrauen, so Parzany. „Und Vertrauen heißt immer, einen Schritt weiterzugehen, als ich von mir aus gegangen wäre.“

Hunderte gehen nach vorne
Auf diesen Satz scheinen unzählige Menschen in der Chemnitz-Arena gewartet zu haben. Als Ulrich Parzany gegen 21 Uhr dazu einlädt, als Zeichen des Vertrauens zu Jesus nach vorn zu kommen, setzt eine wahre Wanderungsbewegung ein. Hunderte erheben sich und bewegen sich zur Bühne. Zahlreiche Plätze in der Halle sind jetzt leer – auch der der älteren Dame mit dem gütigen Gesicht in der siebten Reihe. Mit ihren Begleitern ist sie nach vorn gegangen. Ein Neuanfang nach mehreren Jahrzehnten. Es ist eben nie zu spät, Gott in sein Leben zu lassen.